Inseln der Geschäftigkeit

Lübeck habe ich leider verlassen müssen. Doch zuvor konnte ich – in gutem Sinne erfolgreich, wie ich hoffe – mit der Witwe Friedmanns ein Einverständnis erzielen: Samt ihrem Hausstand und ihrer Tochter ist sie in einem winzigen Häuschen am Rande eines Kanals angekommen. Sie hat sogar einen kleinen Steg, von dem aus man das Haus mit dem Boot erreichen kann. Das Geschäft selbst ist ja nahe am Ratsplatz in der Stadtmitte.

Es hat eine Weile gedauert, denn die müde und vor Trauer immer noch gezeichnete Frau war kaum dazu zu bewegen, meinen Ausführungen Glauben zu schenken. Sie konnte sich das alles kaum vorstellen. Aber dann war es vor allem die äusserst verständige Tochter, die ihre Mutter überzeugen konnte, auf meinen und Nikolaus Vorschlag einzugehen. Ich werde also den weissen Stein senden können! Welch eine Freude, und ich gehe leichten Herzens… und bin auch sehr gespannt, ob Nikolaus das Vorhaben nun wird gut abschliessen können.

Auch war sie einverstanden, dass ich meine Mustersteine behalte und irgendwann – und sei es in Jahren – einen geeigneten Händler dafür finden würde. Meine Einlage war der Grossteil der Rheinsteine – immer noch habe ich kein besseres Wort für sie – und das war dann vermutlich das eigentlich überzeugende Argument: Denn so hatte die gute Frau etwas in der Hand, mit dem sie auch wirtschaftlich etwas anfangen kann. Sie will sie verarbeiten lassen, meinte sie. Und ich hoffe, sie kann Gewinn daraus ziehen.

Ich spüre nun aber, dass die Zeit drängt, und am liebsten würde ich meinen Weg nicht gehen, sondern fliegen, wie ein Vogel. Doch ich bin naturgemäss zu Fuss gegangen, durch endlose, teils sandige, teils mit kleinen Felsen durchsetzte Hügel, durch mit dunklem Herbstlaub angefüllte Senken und Täler und an kleinen Wasserläufen vorbei.

Und es ist schon spät im Jahr, wobei ich denke, die Tage hier im Norden seien kürzer: Es ist leider sehr wenig Licht am Tage, und die Nächte sind über die Gebühr lange. So sind meine täglichen Etappen aber auch klein geblieben, und ich musste die hellen Stunden mit strammen Märschen auskaufen. Und der Mangel an Licht macht meine Seele trübe. Ohne Gefährten gehe ich nun zudem, und erst jetzt spüre ich, wie mich der Verzicht auf Niko und der Verlust der Anderen schmerzt.

Überhaupt: Es ist sehr feucht hier. Genau genommen ist alles ständig nass. Und ich habe Sorge, dass meine vielen Unterlagen in meinem auch durch Notizen ständig anwachsenden Bündel feucht und am Ende sogar unleserlich werden könnten. Doch hier in Hamburg angekommen, habe ich noch keine Schäden entdeckt

Es waren freilich schöne Tälchen und Bächlein – anders kann man es ja nicht nennen, es ist alles so moderat, wenn man es mit dem Wallis vergleicht – , die mich hierher nach Hamburg geführt haben. Und wenn, was recht häufig geschieht, es dann aber auch genauso schnell wieder zu Ende ist, einmal die Sonne durch die meist sehr tief dahinbrausenden Wolken durchbricht, dann hat das Licht eine warme, gelbliche Farbe, und es ist dann den ganzen Tag so golden, als wäre es schon Abend.

Hamburg selbst ist ausgesprochen verwirrend: Die Stadt ist über, wie mir scheint, Hunderte von Inseln und Dämmen verstreut. Doch hat sie, durch Aberhunderte von Kanälen und Wasserläufen, von denen die Alster der Bedeutendste ist, einen Binnenverkehr, wie ich das kaum je in einer grossen Stadt auf dem Lande gesehen habe.

Und überall stehen Speicherhäuser, und überall wohnen und arbeiten die Menschen mitten in dem Gewühl. Und alles – Wasser, Wege, Brücken und Menschen und Waren – alles führt am Ende zu dem riesigen Strom der Elbe.

Und was ich da sah, das hat mir in vielfacher Hinsicht die Sprache verschlagen, und ich habe über einen Tag gebraucht, um das Erfahrene auch in meinem Innern zu sortieren.

Es gibt nicht einfach einen einzelnen Hafen in dieser riesigen Stadt: Denn eigentlich ist alles irgendwie Hafen, Landungsbrücke, Warenlager und Stapelfläche. Und für alles soll man irgendwie immer zahlen. Ich bin erst sehr kurz da, aber die Kaufleute zahlen Brückenzoll, Landungszoll, Stapelgeld, und was dergleichen noch mehr ist. Und immer wieder müssen sie ihre Waren alle ausladen und eine gewisse Zeit zum Kauf anbieten, das ist hier Stadtgesetz. Und als ich mich erkundigte, warum sie das tun, erhielt ich die Auskunft, das sei mit Lübeck ausgemacht und würde auch den Regeln der Seehandelsvereinigung entsprechen. Da komme ich ja gerade her, aus der die Hanse anführenden Stadt Lübeck. Und die wirklich Kundigen erklärten mir, das alles sei Teil der «Hanse», die ja von Lübeck aus organisiert sei. Aber Hamburg hätte gegenüber den meisten Hansestädten einen enormen Vorteil.

Wie dem auch sei, mich interessieren offen gesagt die Menschen mehr als die Waren, und – ein wenig Rhetorik in eigener Sache – die wahrhaftigen Menschen mehr als die käuflichen. Denn auch davon gibt es ganze Viertel: Hier verdingen und verkaufen sich Menschen so vieler Zungen, so vieler Berufe, und auch so mancher unguten Gesinnung.

Und besonders in Hafennähe verkaufen und verdingen sich auch die Zwielichtigen, ja offensichtlich auch die Verbrecher. Und natürlich auch Hunderte von Frauen, die – wie mir scheint – auch ihren wirtschaftlichen Vorteil aus den Tausenden von heimatlosen Kauf- und Seeleuten zu ziehen wissen.

Schockiert hat mich heute eine Hinrichtung, eine öffentliche, die vor dem Rathaus stattfand. Und obwohl ich nur einen Teil des in niederdeutscher Sprache durchgeführten Strafgerichts verstand – es gab keinerlei lateinische Übersetzung oder auch nur Erläuterung – meine ich verstanden zu haben, dass der Delinquent gegen hamburgisches und lübisches Seerecht verstossen habe: Er scheint ein Schiff gekapert und dessen Inhalt entwendet zu haben.

Schockiert hat mich das Ganze, weil viele Hundert Menschen mit offensichtlicher Wollust der Prozedur beigewohnt hatten. Und der anwesende Priester hat seine Pflicht, dem in Schande öffentlich Sterbenden die Absolution zu erteilen so oberflächlich und nachlässig gemacht, dass es fast eine Posse war. Der Scharfrichter erfüllte dann die ihm obliegende Aufgabe mit einem riesigen Metzgersbeil. Und als er den auf einen Holzblock mit Gewalt und gegen den Willen des Delinquenten festgehaltenen Kopf von dessen Rumpf trennte, und als dessen Blut mehrere Ellen weit aus dem zuckenden Rumpf schoss, sich in den steinernen und teils sandigen Boden des Platzes ergoss und dann leise pulsierend versiegte, da brüllte der Mob, als ob all das ein Lustspiel sei.

Welche Rolle die Kirche in dieser Stadt spielt, und – wenn überhaupt eine grosse – welcher Art diese Rolle ist, das zu ergründen fehlt mir nicht einfach die Zeit. Nein, meiner Seele fehlt die Kraft: Denn solchen Niedrigkeiten auf einem kleinen Fleck Erde zu begegnen, der auch noch Stolz auf gewisse «Erfolge» ist, das ist mir zu viel.

Ab morgen werde ich ein Schiff suchen, das mich nach Bremen mitnehmen kann, und ich hoffe, mich bei dem dortigen Bischof ein wenig ausruhen zu können. Auch erwarte ich dort Nachricht von Nantelmus.

Und dann werde ich von dort aus einen geeigneten Platz für den Winter suchen.

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