Ottendorf

Auch kleine Orte erzählen grosse Geschichten: Ottendorf, der winzige Elbhafen, ist ein Spiegel unserer Zeit. Und ein zwar stets windiger, aber ungemein reizvoller Flecken. Holländer haben hier vor über 100 Jahren die Landschaft kultiviert: Sie haben Kanäle angelegt, Deiche errichtet und Siele angelegt.

Und der Ort, in dem die gesamten Flüsse des Hinterlandes zusammenfliessen und gemeinsam – als Fluss Medem – in die Elbe fliessen, das ist Otterndorf.

Ich bin hier gelandet, weil ein ebenfalls holländisches Schiff mich hier vor wenigen Tagen in einer atemberaubenden Aktion mittels eines Beibootes abgesetzt hat. Ein zusätzliches Fährgeld hat mich das gekostet, denn das grosse Schiff musste in der Elbmündung vor Anker gehen und auf die Rückkehr des Beibootes warten, das mich absetzte.

Ottendorf gehört zu der Landschaft Hadeln, und – zu meinem grossen Erstaunen – verstehen sich die hier wohnenden Friesen und die Nachfahren der ursprüngliche Holländer hier als Reichsunmittelbare. Sie seien Freie, erklärten sie mir. Sie seien keinem anderen Herrn unterworfen als dem Kaiser. Für die Freiheit gingen sie in den Tod und wählten lieber den Tod, als dass sie sich mit dem Joch der Knechtschaft belasten ließen.

Daher hätten sie die militärischen Würden abgeschafft und dulden nicht, dass einige unter ihnen sich mit einem militärischen Rang hervorheben. Sie wählten jedoch Richter, jährlich, an einem recht weit entfernten Ort, also solche Oberen, die ihr Staatswesen – wenn man das so nennen darf – unter ihnen ordnen und regel. Sie nennen die „Friesische Freiheit“.

Es gibt hier eine kleine Pfarrei, und der ansässige Pfarrer, ein gewisser Godefridus kann recht gut Latein und spricht auch ein Deutsch, das ich zumindest verstehe. Er hat mir das alles übersetzt. Und ich habe ihm erklärt, dass wir im Süden vielleicht noch etwas von seinen Friesen lernen könnten, doch wir hätten ganz andere Probleme.

Der freundliche Mensch hat mich bei sich aufgenommen, in einer winzigen Kammer, und ich versprach, falls ich am Sonntag noch hier sein würde, dann im Gottesdienst auszuhelfen: Ich kann sicher die Psalmen singen, auf Latein allerdings. Der Seefisch, den sie ständig essen, ist für mich als Speise sehr ungewöhnlich, aber äusserst wohlschmeckend.

Leider hat das Wetter sich sehr verschlechtert seit meiner Ankunft, und so konnte ich noch niemanden finden, der von hier aus – und es gibt hier nur sehr kleine Boote – nach Bremen fahren würden. Warum auch?! Zur Zeit ist in der dortigen Wesermündung offensichtlich nur sehr wenig Verkehr. Aber ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben.

Allerdings verlaufen meine Verhandlungen mit den Einheimischen zwar freundlich, aber sehr stockend: Ich verstehe sie kaum. Und Godefridus hat nur wenig Zeit um zu übersetzen. Und viele ihrer Ausdrücke haben mit dem Meer zu tun, das ich ja nun gar nicht kenne, mit dem sie aber täglich leben. Zu allem Überfluss ist es nun auch richtig kalt geworden, und in der vergangenen Nacht hat es sogar kurz geschneit.

Doch wenn ich sie richtig verstanden habe, dann würde sie mich zu zweit nach Bremen bringen, falls der Wind – wie manchmal im Winter – auf  Nordost dreht: Dann können sie mit der Elbsträmung hinaus ins Watt fahren und dort, wie sie sich ausdrückten, „vor den Wind“ drehen, und dann mit dem Wind halb im Rücken die Wesermüdung hinauffahren.

Sobald der Wind aber dann dreht, wollen sie wieder umkehren, und ich werde den Rest des Weges nach Bremen zu fuss gehen müssen. Und einen Preis haben sie mir auch genannt. Aber den kann ich zum Glück bezahlen, denn durch die morastigen Marschlandschaften südlich der Elbe möchte ich bei Kälte und Nebel nur sehr ungern zu Fuss gehen.

So werden die kommenden Tage zeigen, ob – wie man hier auch sagt – die Winde günstig stehen. Denn ich will möglichst bald mein Winterquartier beziehen. Und das an einem viel geschützteren Platz als an der von Sturmfluten bedrohten Elbmündung.

Schreiben Sie einen Kommentar