Dörfer der Friesen

Hinter kleinen Deichen wohnen die freiheitsliebenden Friesen, und bevor ich hierher nach Bremen kam, wo ich nun erstmals seit langem wieder Zeit zum Schreiben finde, war ich viele Tage mit Ihnen zusammen. In reetgedeckten Katen hausen dort Vieh und Mensch und Vorräte alle unter einem Dach. Und in der Mitte ihrer grossen und langen Häuser ist ein sich meist weit dehnender  Raum, den sie „Deel“, die Diele, nennen. Und ehrlich gesagt, kann ich mich kaum mit ihnen verständigen, so seltsam empfinde ich ihre Sprache. Auch verstehen sie fast kein Latein, und bereits zum zweiten Male habe ich einen Priester angetroffen, der den Gottesdienst in ihrer Sprache hält, mit einige lateinischen Wendungen. Das wäre bei uns undenkbar. Doch irgendwie ist es hier naheliegend.

„Ihre Sprache“, das ist schon auch irgendwie „Deutsch“, aber sie haben sehr viele Ausdrücke, die entweder der Seefahrt, die sie fast täglich ausüben, entstammen, oder der speziellen Form des Ackerbaus, die sie in dem sumpfigen Land betreiben. Das Land, von dem ich manchmal den Eindruck hatte, es läge sogar tiefer als die Oberfläche des Meeres selbst. Ein sehr befremdendes Gefühl, und immer hatte ich ein wenig Angst in diesen Dörfern.

Ich bin überhaupt nur dorthin gekommen, weil die Fährleute aus Ottendorf, die mich zu den Wurtfriesen, wie sie sich dort nennen, gebracht haben: Sie wollten nicht weiter nach Bremen hin fahren, sondern bei ihren Landsleuten übernachten und dann zurückfahren. Dann jedoch wurde das Wetter sehr schlecht, und sie mussten noch manche Tage bei mir bleiben, bis schliesslich der Wind abflaute und von Osten klares, aber auch eiskaltes Wetter hereinbrach. Halb segelnd, halb rudernd fuhren sie wieder nach Norden, an der Küste entlang. Und ich bete zu Gott, dass sie wieder gut nach Hause gelangen. Ich selbst hatte von den Wurtfrisen aus meinen Weg nach Bremen zu Fuss weiter zu verfolgen.

Und so habe ich mich in dem kalten Wetter, mich immer auf den niederen Dünen und sandigen Hügeln haltend, in mehreren mühsamen Tagesmärschen nach Bremen begeben. Zu Fuss, wie schon seit mehr als einem halben Jahr.

Vorbei an der Geestmüdnung, wo die Dörfer dann schon zum Bistum Bremen gehören, und ab dort gibt es gebahnte Wege und es ist nicht so ein Irren zwischen Hügeln und Sümpfen und kleinen Kanälen, in denen man immer wieder nass wird. Und für mich selbst war es schwierig, mich zu waschen und sauber zu halten: In den Friesenhäusern steht der kalte Rauch der offenen Küche und alles stinkt andauernd nach dem Kot der Tiere. So war ich froh, dass ich auf meiner Wanderschaft Richtung Bremen auch an kleinen, klaren Seen vorbeikam, wo ich baden und mich waschen konnte. Kurz nur, denn es war ungeheuer kalt, und fast wäre das Wasser dort gefroren. Nur in Bergseen hatte ich je Ähnliches erlebt. Und mittlerweile war mir – es war ja keiner zum Scheren da – auch ein Bart gewachsen, der mich sicher ausgesprochen wild und fast ein wenig verwahrlost aussehen liess, als ich schliesslich in Bremen angekommen war. Geschreckt hat das aber hier niemand.

Und – wie erwartet – hat mich der seit langem amtierende Bischof Gerhard II. in Bremen empfangen. Denn Nantelmus hatte ihm tatsächlich geschrieben und mein Kommen für den frühen Winter angekündigt. Auch war mit diesem Schreiben die Bitte verbunden, man möge mir im Bistum Bremen oder in der Stadt selbst ein Winterquartier zuweisen, in dem ich „trefflich studieren“ könne. Man wolle sich nach Ablauf der Zeit dann von St. Maurice aus erkenntlich zeigen. Im übrigen sei aber auch zu erwägen, ob ich nicht – z.B. in einem entsprechenden Kloster – aktiv den dortigen Unterricht mitgestalten könne. Und da dachte Nantelmus wohl vor allem an die sonst im Norden eher unüblichen Sprachen, allen voran Italienisch, Latein oder Französisch.

Der – wie ich meine – herrische und fast ein wenig gewalttätige Bischof eröffnete mir sehr bald, er wolle dies gerne tun. Nantelmus erwarte auch von mir einen Bericht, spätestens nach Ablauf der Wintertage, in dem ich ihm über meine bisherige Reise „in der mir bekannten Sache“ ausführlich Auskunft geben würde. Als ich klar sagte, das sei von Anfang an so ausgemacht und ich hätte diese Nachricht bereits erwartet, schien Bischof Gerhard zufrieden.

Gestern hat mir nun der Bischof mitgeteilt, er hätte entsprechende Order an zwei der loyalen Klöster in Stade an der Elbe gerichtet, die Benediktiner und die Franziskaner nämlich. Und dorthin solle ich mich nun zügig begeben und mich – wenn es ginge – den Winter über auch nützlich machen. Welches Kloster ich vorziehen würde, das könnte ich selbst vor Ort entscheiden, was ich dankend begrüsste.

So war ich denn hier in Bremen gut untergebracht, werde mich nun aber noch heute auf die – bei strammem Marsch und auf den gut befestigten Strassen – rund dreitägige Reise nach Stade machen. Ein wenig stört mich, dass ich dabei fast wieder nach Hamburg zurück muss, und da war ich ja schon vor einigen Wochen. Ich gehe also vermutlich im Kreise. Ein Ministriale des Bischofs gab mir jedoch mehrere Empfehlungsnotizen mit dem Siegel der bischöflichen Kanzlei mit, und sagte, ich solle besonders in einem kleinen Dorf namens Godenstedt, oder „Godenhusen“, wie die Einheimischen ihren Ort nennen würden, bei einem lokalen Grundherren, dem schon betagten Johann von Godenhusen, Rast machen. Dort würde ich gut versorgt, denn der Bischof würde dafür aufkommen. Und im übrigen sei es hübsch, ich würde dort einen recht grossen See finden.

Was über Bremen im einzelnen zu sagen ist, muss ich also verschieben, aber es tun sich dort merkwürdige Dinge: Unter anderem hat Bischof Gerhard im vergangenen Jahr den seit fast einem Jahrhundert regierenden Rat praktisch entmachtet und seinen Vogt über die Stadt gesetzt. Und es ist eine seltsam furchtsame Stimmung in dieser an sich so regen und wachen Stadt. Mein Herz ist froh, dass ich ziehen kann. Und ich hoffe, in Stade Ruhe zu finden.

 

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