Johann, der Lehensherr

Ich hatte mir das alles anders vorgestellt: Grösser, herrschaftlicher, kultivierter eben. Aber der Herr Johann ist zwar ein sehr wohlmeinender, aber auch ausgesprochen befremdlicher Mensch. Seine zwei Dörfer und gerade mal zwei Hände voll Höfe umfassende Herrschaft wird von ihm kontrolliert und aus grosser Nähe beherrscht: Überall ist Johann von Godenhusen, oder der von „Godense“, wie die Bauern sagen, präsent.

Auch in seinem eigenen Haus, das kaum mehr als ein noch grösseres Bauernhaus mit ein paar Nebengebäuden ist, sind die Verhältnisse ähnlich urtümlich wie bei den Bauern selbst: Wohnen und Arbeiten auf sehr einfachen Niveau. Allerdings ist Johann von Godenhusen gesprächiger, als es die Bauern sienr beiden Dörfer sind, und er bemühte sich auch sehr, sich mir in einem verständlicheren Idiom Auskunft zu geben. Meist wirkte er jedoch wie im Innern erfroren, wortkarg und fast abweisend. Und ich ging am Nachmittag ein wenig zu dem wirklich schönen See, den es hier gibt. – Allerdings bin ich sehr dankbar für seine etwas rauhe Gastfreundschaft.

Erst abends, an dem riesigen Feuer in seiner schmucken Diele, da taute er – unter gehöriger Mithilfe eines klaren und ungemein starken Gebräus, das wohl aus Getreide gemacht wird – ein wenig auf. Und dann ging es recht lustig zu. Als der alte Mann dann aber doch sichtlich zu viel gegessen und getrunken hatte, schlief er grunzend ein, und zwei seiner Knechte – in deren Bemerkungen ich nur das Wort „wat’n Schiit“ richtig verstand – trugen den riesigen Bären von einem Mann mühsamst in seine Schlafstatt, bevor sie sich selbst in eine Ecke auf ihre Strohsäcke legten. Und schon bald schnarchten sie und grunzten ihrerseits im Traum.

Eine grosse Kerze gab mir nun ausreichend Licht, um noch kurz ein paar Gedanken zu notieren. Und ich werde mich jetzt ebenfalls auf einen der Strohsäcke legen. Mehr Ruhe und Abgeschiedenheit werde ich hier nicht haben. Und an ruhige oder gar geregelte Gebetszeiten ist hier nicht zu denken.

Und so werde ich den gastfreundlichen, aber verschlossenen Lehensherrn Johann schon beim ersten Licht des neuen Tages wieder verlassen. Man sagt, es könne mir gelingen, Stade schon am morgigen Abend zu erreichen.

Ein wenig zittert mein Herz, denn nun werde ich wieder eine lange Zeit in einem Kloster sein, und das nicht nur zu Besuch, sondern mit einem klaren Auftrag. Das ist etwas völlig Anderes, als ein wenig zu übernachten und dann wieder weiter zu ziehen. Und was mich dort, in Stade, dann erwartet, das weiss ich wirklich nicht.

Vor allem aber: Werde ich mich an alles zureichend gut erinnern können? Wenn ich meinen Aufzeichnungen folge, die ich auch nochmals neu ordnen will, vermutlich ja. Aber es liegt viel vor mir, und ich bin unruhig.

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