Albert von Stade

Wer ist dieser Albert von Stade? Es hat mich die ganze Nacht bewegt.

Am gestrigen Sonntag hat er mich mitgenommen, und wir sind – ohne an der Mittagsmahlzeit teilzunehmen – hinausgegangen, vor die Stadt, in das Benediktinerkloster. Doch nicht am erregten Rummel dieses irgendwie überfüllten Ortes haben wir teilgenommen, sondern wir sind schnurstracks in die Bibliothek.

Albert hat hier Zugang und die Möglichkeit unbeschränkter Nutzung, fast so, als würde sie ihm selbst gehören. Und er wies mich – zu meinem Erstaunen – mit grosser Ausführlichkeit ein. Ich solle öfter hierher kommen, meinte er. Es würde mir guttun.

Nun, da es mich an die absoluten Anfänge meiner Unternehmung erinnert, und die bisweilen geradezu verzweifelten Zeiten in der Bibliothek von St. Maurice ist das nur teilweise richtig. Aber es ist eine bemerkenswerte Geste: Er hat sich noch gar nicht viel mit mir unterhalten, aber er hat schon viel von dem gespürt, was mich bewegt. Und besonders auf einige Ausgaben des Kirchenvaters Augustinus wies er mich hin, und – fast im Vorbeigehen, denn jeder scheint es einmal gelesen haben zu müssen, dieses wichtige Werk – zeigte er mir auch eine schön geschmückte Ausgabe der „Vita Caroli Magni“ des Einhard. Was mir das bedeutet, und dass ich seit rund elf Monaten selbst Aufzeichnungen zu meinem Leben mache, die davon sehr beeinflusst sind, das habe ich noch nicht gewagt, ihm zu sagen.

Was ihn aber, was Albert bewegt, das vermag ich noch lange nicht zu ergründen. Und ich habe noch nicht gewagt, ihn so unverblümt danach zu fragen. Doch er scheint selbst an etwas Grossem zu schreiben, jedenfalls hat er das am Rande durchblicken lassen. Und ich glaube ihm das gerne: Er kennt sich in dieser Bibliothek aus, fast so, als wäre sie seine eigene, übergrosse Zelle.

Albert ist beileibe nicht der einfache und dichterisch-verträumte Mensch, den er im ersten Moment vielleicht darstellen will. Seine Augen glühen, wenn er von Äbten und Fürsten und Mächtigen erzählt. Und mir fiel auf, dass sich sein Gesicht verfinstert und seine Sätze schroff und kurz werden, wenn er von dem Papst redet.

Wer ist dieser Albert von Stade?

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