Civitas Terrena

Ich habe hier die Pflicht, meinen Bericht über meine Reise seit dem 22. Tag des Monats April diesen Jahres zu schreiben. Doch es fällt mir nicht leicht!

Zwar ist es – im Vergleich zu dem nahe gelegenen Hafen an der Schwinge – viel ruhiger hier im Kloster der Franziskaner in Stade, und ich werde auch in Ruhe gelassen, um meiner Aufgabe nachzugehen.  Doch was mir der Meister Albert – ich muss ihn so nennen, der er ist ein überaus kundiger und freilich kaum zu durchschauender Mensch, ein Gelehrter – ins Herz gepflanzt hat, ist das, was ein Teil von mir immer schon gesucht hatte: Eine gute Bibliothek, fantastische Fragen, die er mir stellte und eine überragend schöne Ausgabe der „Civitas Dei“ von Augustinus.

Abgelenkt also von dem, was mich hinlenkt, zu dem, was mich eigentlich interessiert, verfolge ich dennoch pflichtgemäss die Aufgabe, Nantelmus, meinem verehrten Abt in dem so schrecklich weit entfernten St. Maurice d’Agaune einen ersten Bericht über meine Erkenntnisse zu geben. Einen Bericht, den ich schon vor vielen Wochen an der Elbe, im italienisch wirkenden Kloster von Jerichow an der Elbe begonnen hatte. Und ob es Erkenntnisse sind, die ich auf der ersten Reise gewonnen habe, ich weiss es nicht.

Aber verändert hat mich meine bisherige Reise, das weiss ich. Nur ist mir unklar, ob und wie ich das meinem Abt im fernen St. Maurice schreiben kann.

Doch es ist Albert von Stade selbst, der mich fragen lässt, für welche Seite eigentlich sein Herz mehr schlägt… und ich bin heilfroh, dass er die Frachheit, die in meiner Frage steckt schon deshalb nicht erkennen kann, weil niemand (ausser Gott) diese meine Zeilen liest.

Denn Alberts Herzens-Alliance, wem gilt sie? Denn, und seine oft höchst dichterische Sprache hat wohl schon auf mich abgefärbt, ist es die keusche und tugendhafte Jungfrau des endlosen und fast bewusstlosen Vertrauens in die Mutter Kirche? Versteht er sich wirklich zu allererst und ausschliesslich als Vertreter und Amtswalter dieser „Civitas Dei“, von der Augustinus permanent redete?

Oder ist er so mit dem Papsttum und seinem früheren Orden – und vielleicht der Kirche überhaupt? – „über Kreuz“, dass er all das ablehnt und viel eher Teil einer wie auch immer gearteten „Civitas Terrena“ sein möchte…? Oder sich einfach insgeheim als solcher versteht! Hat er sich gewissermassen eine Amazone verschrieben?

Denn da ist einerseits seine vermutlich abgrundtiefe Überzeugung, dass unser Immer-noch-Kaiser (schon wieder bin ich froh, dass das hier niemand liest), Friedrich, der wirklich von Gott berufene Herrscher ist, und mir scheint, Albert ergreift – wenn auch in literarischer Form – unverblümt Partei. Was ihn in einen Gegensatz zu dem Papste, und dem Bischof von Bremen, bringen könnte. Aber Albert ist auch ein „Freund der Herrschenden“, und immer noch geniesst er insgeheim die „offenen Türen“ und das hohe Ansehen, wenn er – wie er dies oft tut – in die Bibliothek seines früheren Klosters zurückkehrt und sich jeder vor ihm verbeugt.

Mehr aber noch: Immer noch begeistert sich Albert, wie in seinen früheren Tagen wohl oft, wie ich vermute, für die livländische „Missionierung“. Ein Begriff, der mir – aus dem herzlich Wenigen, was ich hier schon in Erfahrung bringen konnte – nicht richtig über die Lippen will. Denn mir scheint, obwohl ich niemals dort war, und es vielleicht auch nie sein werde, den „Fortschritt“ den Ritter und Krieger im östlichen Mare Balticum machen weniger mit der Kirche, als vielmehr mit ihrem irdischen Gewinn und vor allem mit der einfachen Asudehnung ihrer Macht zu tun zu haben.

Und wie der grosse Kirchenvater schon schreibt: Die „Civitas Terrena“, die Herrschaft der Mächtigen hier auf Erden, das kann göttlichen Ursprungs sein. Es muss es aber beileibe nicht. Und dies ist keine stumpfe Waffe: Es ist ein zweischneidiges Schwert.

Und während sich mein Herz mit diesem Verdacht quält, und der Grund dafür ist mir wahrlich nahe, zu nahe, wie mir meine Seele sagt, sagt mir meine „Memoria“, mein Erinnern nicht nur immer wieder, was alles in den vergangenen Monaten wichtig war. Sondern mein Geist betet immer und immer wieder das, was mir Anfang des Jahres, am zweiten Fastensonntag so ins Herz geschrieben wurde:

„Gedenke Deines Erbarmens, Herr, und an die Taten deiner Huld; denn sie bestehen seit Ewigkeit…

…reminiscere miserationum tuarum Domine et misericordiarum tuarum quia ex sempiterno sunt“

Es ist meine Hoffnung, dass er das tut und mir aus meinen seelischen Nöten hilft! Und es ist meine Verzweiflung, dass ich an genau das Wort, das mir Trost spenden sollte, so viele Fragen habe, wenn mein Intellekt darüber nachdenkt. Und im Grunde ist es mir zu gross, zu schwer, und zu überwältigend. Es ist, als läge die Welt auf meinen Schultern.

Quamdiu domine, wie lange noch, Herr, bete ich gerade immer wieder!

 

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