Annales Stadenses

Erneut schreiben wir im Jahre 1247 A.D. einen Adventssonntag, es ist der vierte. Und in wenigen Tagen feiern wir das Weihnachtsfest.

Erneut hat mich Magister Albert hier in Stade – diesmal nicht ohne Essen, aber mit einem vorzeitigen Aufbruch von dem selbigen – mitgenommen in die Bibliothek seines früheren Klosters. Dabei schleifte er einen grossen Packen grossformatiger Pergamente mit, und meinte auf dem Weg nur, er wolle mir die später zeigen.

Dann – in der Bibliothek der Benediktiner – breitete er die Pergamente aus und begann, mir zu erklären, woran er arbeitete: Albert arbeitete an einem Annalen-Werk. Er versuchte, in unendlich langen Listen, die Geschichte der Päpste – und auch deren Interaktion, so würde ich es nennen, mit den jeweils regierenden Königen oder Kaisern – aufzuzählen und in kürzesten Worten oder einzelnen Sätzen zu erläutern.

Irgendwann geht Albert jedoch in eine Art Text über. Das kommt mir jedoch deshalb irgendwie seltsam vor, weil er auch da schreibt, als würde er „Fetzen für Fetzen“ aneinanderkleben. Und höchst Wichtiges wird oft weggelassen, während völlig Nebensächliches fast lustvoll breit erzählt wird.

Vielleicht bin ich aber einfach nur zu jung, ich schätze, Albert von Stade ist rund vierzig Jahre älter als ich. Und mir kommt es vor, als stamme er selbst aus einer anderen Zeit.

Völlig verblüfft war ich, dass er zum Beispiel über Karl den Grossen – in Kontrast zu der breiten und detailreichen Darstellung Einhards in der Vita Caroli Magni – zwar Wichtiges, aber längst nicht alles Wichtige schreibt. – ich will mir gerade dazu aber noch ausführlicher selbst eine Meinung bilden… und zwar bald, bzw. sobald ich meinen Bericht an Nantelmus fertiggestellt habe.

Ebenfalls zu meinem Erstaunen zeigte er mir nur einen einzigen Satz: Er bezog sich auf Anselmus Cantuariensis, den die Engländer Anselm of Canterbury nennten. Dieser hätte sehr hellsichtig gelehrt. Was er mir damit sagen wolle, fragte ich Albert.

„Wenn du wirklich Wissen erwerben willst, und systematisches Vorgehen, auch in den Wissenschaften und nicht nur Kalenderreihen studieren und Itinerarien beschreiben, wie ich das tue: Dann – wenn Du das wirklich willst – dann gehe zuerst nach England. Dort gibt es in der Stadt, die sie „Ochsenfurt“ nennen, an der Themse gelegen, bereits eine Schule, die seit langem von verschiedenen Scholaren gemeinsam auf der „Hohen Strasse“ und an anderen Orten betrieben wird. – Wenn Du weiterkommen willst, als Du es in dem von Dir angestrebten Köln vermutlich je können wirst, dann gehe dorthin. – Ich konnte es nicht. Aber Du könntest…“

Solchermassen verblüfft verliess ich die Bibliothek, und ich blieb auch dem Abendessen fern.

Im Handelshafen von Stade fand ich mehrere Schiffe, die offensichtlich vorhatten, hier zu überwintern. Ihre Waren hatten sie wohl in den verschiedenen Häusern gestapelt oder gar schon verkauft. Und ich hörte im frühen Dunkel des herannahenden Abends die Gesänge und den polternden Lärm der offensichtlich schon betrunkenen Besatzung.

Und ich bekam erneut diese Sehnsucht im Herzen zu spüren, die Sehnsucht, die sich seit einem Jahr so in meiner Seele bemerkbar macht: Laut, stürmisch, wissbegierig, ereignishungrig, tatendurstig, wie ein unbändiges Tier.

Und ich musste dreimal im Dunkeln um die Stadt mit den vielen Kirchen gehen, bevor ich zur Ruhe kam. Wohin?, wohin?, frage ich mich. Und wann?

 

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