Zum neuen Jahr

Nicht sanglos, aber fast klanglos gingen sowohl Weihnachtsfest und der Beginn des neuen Jahres bei den Franziskanern in Stade vorbei. Und karg war auch die Mitternachtsmesse in der Nacht zum Weihnachtstag.

Magister Albert hat mich aber in den Tagen nach der Weihnacht weiter in seine chronistischen Arbeiten eingeweiht und gab mir viele Stücke zu lesen, die er bislang schon fertiggestellt hatte. Ich habe zwar ungeheur viel gelernt dadurch. Aber es sind mir auch Zweifel gekommen: Mir scheint, der ehrwürdige und gelehrige Magister – ich wähle diese Bezeichnung, weil er so gelehrig ist, nicht weil er meines Wissens in grossem Umfange gelehrt hätte – ergreift durch die Blume, zwischen den Zeilen, und manchmal alleine durch Auswahl und Gewichtung seiner Berichte in tiefer Weise Partei für die eine oder andere Seite. – Seine Berichte sind, wie soll man sagen, gewissermassen Hinweise, wie man sich wirklich am besten zu verhalten habe.

Selten stellt er einzelne Ereignisse in ein Umfeld, sie werden so nicht immer von aussen verständlich. Ich weiss gar nicht, wie ich das ausdrücken soll: Ich würde eine solche Chronik anders schreiben. Nüchterner. Mehr an dem orientiert, was ich wirklich weiss, durch Studium oder eigene Anschauung. Und nicht nur, an dem, was man eventuell von Leuten gehört hat, dies wieder von anderen Leuten gehört haben, und so weiter. – Mich bewegt das Ganze: Wie soll man sich denn nun an die Dinge erinnern?

Das Erinnern an das „Erinnern“ bringt mich immer wieder zurück in meinen Gedanken: Die Fastenzeit im Kloster St. Maurice taucht dann in mir auf, und das „Reminiscere..“, das Erinnere Dich Gott an Deine Barmherzigkeit, das macht mir Sehnsucht. Kann man das haben: Sehnsucht nach jemanden, den man im Grunde nur flüchtig kennt? Sehnsucht nach Gott? – Der König David schreibt das einmal in einem seiner Psalmen: Es würde ihn dürsten nach Gott. So geht es mir in diesen Tagen, hier in dem sonnenlosen und nebelreichen, aber immerhin recht freundlichen Stade.

Auch habe ich meinen Bericht an den Abt Nantelmus, den ich ja schon im Kloster Jerichow an der Elbe begonnen hatte, nun fast fertig. Er fällt bislang ernüchternd aus: Eigentlich macht jeder ein bisschen, was er will. Das Ganze wird nur verdeckt durch den Umstand, dass man zum Beispiel beim Erlernen einer Sprache immer merkt, ob man sie kann: Ist man weniger erfolgreich, dann kann man nicht übersetzen. Freilich gibt es auch da guten und schlechten Unterricht. Völlig anders ist das bei Dingen wie den Rechenkünsten oder den Lehren über die Natur. Ohne die eigene Anschauung, das ist bereits jetzt meine Überzeugung, ohne eine auch planvolles Hinsehen auf die Dinge, die wir beschreiben und lehren wollen, scheitert schon jede Beschreibung.

Und vieles von dem, was gelehrt wird an den verschiedenen Schulen, ist ungeheuer lückenhaft. Ausser der Skizze einer Wegbeschreibung, die mir Albert von Stade gezeigt hat – es handelt sich um eine riesige Reise nach Rom und zurück – gibt es kaum Itinerarien, die helfen würden. Und das einzige, was ich hatte, das war die – lückenhafte – Beschreibung  von Nantelmus. Immerhin.

Meinem Bruder werde ich noch schreiben. Das habe ich mir noch vorgenommen. Dann möchte ich Stade verlassen. Ich hätte kaum geglaubt, dass das mitten im Winter möglich sein würde, aber es ist ein Wetter hier, wie ich es nicht kenne: Es ist meist kalt und feucht, besonders wenn die morgendlichen Nebel von der Elbe herziehen. Und manchmal schneit es, aber gerade einmal zwei Finger breit. Und solch ein Winter ist – abgesehen von klammen Kälte allüberall – kein Hindernis für eine Abreise. Allerdings brauche ich schon in näherer Entfernung eine weitere Unterkunft und ich möchte auch endlich etwas tun, was mir Anforderungen stellt. – Das alles braucht noch Planung.

An dem nun bevorstehenden Wochenende nun, dem ersten des 1248ten Jahres A.D., möchte ich mit dem Meister Albert über meine Abreisepläne sprechen.

 

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