Häresie

So habe ich Albert noch nicht erlebt: Unkonzentriert, unruhig und nachsinnend. Ein paar Male fand ich ihn am Ufer des kleinen Flüssleins Schwinge, für sich alleine. Und als ich ein wenig näher kam, ging er weg, mich nie ansehend, so als wolle er nur vortäuschen, mich nicht gesehen zu haben. Und er verschwand dann meist hinter einer Biegung des WEges oder er plötzlich zu den Häusern zurückgekehrt, und am Ende muss er dann in einer der vielen Kirchen der Handelsstadt Stade gegangen sein.

Albert will etwas mit sich und Gott ausmachen, das hatte ich dann jedes Mal gemerkt. – Doch ich bin noch geblieben, obwohl ich alles erledigt habe.

Und mein Warten hat sich gelohnt, auf eine sehr nachdenkliche Weise. Erst gestern Abend nahm mich Albert zur Seite und wir gingen, nun gemeinsam, den Weg an der Schwinge, den ich sonst alleine gehen sah. Erst umständlich eröffnete er mir, dass ein italienischer Mit-Bruder des franziskanischen Ortes gerade aus dem Orte Schwäbisch Hall gekommen sei, und er habe berichtet, der Streit zwischen Konrad, den Kaiserlichen und dem Papst sei nochmals überhöht worden von einer Gruppe Priester, die sich ihrerseits einen „Orden“ nannten.

Und sie hätte ungeheuerliche Dinge gesagt, unter anderem

„… daß der Papst ein Ketzer wäre, alle Bischöfe und Prälaten Symonisten und Ketzer, auch die niederen Prälaten mit den Priestern, weil sie mit Lastern und Todsünden behaftet nicht die Macht hätten, zu binden und zu lösen und weil diese alle Menschen verführten und verführt hätten“.

Und genau so werde er das alles auch in seinen Annalen aus Stade berichten, ereiferte sich Albert. Dass viele, vor allem der Oberen in der Kirche, ihre Ämter erkauft hätten, dass wisse er, meine Albert. Dass ändere freilich nichts an ihrer Berufung. Doch diese Leute, sie hätte an einem gnz anderen Punkte vermutlich recht: Nur Gott alleine könne letztlich Sünden lösen. Und wie das Recht seiner Vertretung in unseren Zeiten gestaltet sei, das habe schon – vor wenigen Jahren – der Kaiser selbst öffentlich in einem Brief an die Kardinäle der Kirche in Zweifel gezogen. Auf den Fels des Glaubens nämlich sei die Kirche gegründet, „petra“, stehe da im griechischen Text, und „petrus“ habe zwar das Amt angetreten, aber unser Herr habe von dem Felsen als von einer Haltung gesprochen, nicht nur von einem Manne. Und Albert war sehr still, und er wirkte fast ängstlich, als er mir sagte, darauf sei die Kirche letztlich gegründet, auf den Glauben, und auf die „gratia dei“, die Gnade Gottes. Und so Vieles, was er selbst, was er Albert, erlebt habe, würde der Kirche, obwohl eine „institutio venerabilis“, eine ehrwürdige Institution, vermutlich vor dem alleinigen Richter, vor Gott, nicht zur Ehre gereichen. – In seiner Chronik, seinen Annalen, die er gerade in Stade schreibe, würde er, so sagte er, in recht umfassender von den diversen Reden der so genannten Häretiker in Schwäbisch Hall berichten.

Albert, schien mir, war verzweifelt. Und ich bin tief bewegt von seiner Offenheit, aber auch von dem, was er mir sagte. Vieles was ich auf meiner Reise bisher schon gesehen habe, und noch mehr, alles, was ich selbst in der Schrift gelesen, und was ich zu Hause auch in den griechischen Schriften – so gut ich konnte – verstanden habe, gibt ihm im Grunde recht. – Doch wie soll es weitergehen? Mit dem Reich? Mit uns? Wem sollen wir glauben, wenn das alles so ist?

Und ich betete danach zu meinem Gott, er möge sich doch seiner Güte erinnern, „Reminiscere miserationum tuarum“ … und uns doch wissen lassen, was sein Wille sei. So in den vergangenen Fastentagen im vorigen Jahr. So, wie ich es Zuhasue gelernt hatte. Und es war eine lange Stille danach – zwischen mir und dem Allmächtigen…

Albert wird mir heute noch, entsprechend seiner grossen Erfahrungen, die er selsbt noch vor wenigen Jahren auf seiner Romreise gemacht hatte, einige Stichworte zu meiner mögliche Reiseroute nach Köln mitgeben. Ebenso schrieb er mir schon gestern einige Zeilen an den Bischof von verden, den er gut kenne, wie er meinte, und der hohe Herr möge mich weiter geleiten. Denn mein Weg sei bereitet, wie Albert am Ende geheimnisvoll bemerkte.

So werde ich das in diesen Tagen ungeheuer eisige Wetter und die zugefrorenen Bäche nutzen und morgen früh aufbrechen, um dann sehr schnell in Verden zu sein. Trotz des Sonntages, den wir morgen feiern. Ich werde meine eigene Messe feiern, im Gehen.

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