In Verden

Aller guten Dinge sind drei, sagt man. Ein Scherz, den ich mir hier in Verden, das an dem schönen Fluss Aller liegt, gerne erlaube. Auf Empfehlung Alberts von Stade hin habe ich eine Audienz beim schon etwas älteren Verdener Bischof Luder von Borch bekommen. Der von der Sprache her bremisch klingende hohe Herr war sehr interessiert, meinte aber, er könne mir kaum wirklich helfen. Zwar plane er „an einem dem Herrn gefälligen Tage“ selbst die Erreichtung einer Schule, doch ob es eine „Schola Verdensis“ – im Sinne einer öffentlichen Schule, „wozu auch!“ – je geben werde, das wisse er nicht. Freilich bilde er den ministerialen und geistlichen Nachwuchs an seiner Domschule aus, „wie eh und je“.

Er wies mich aber weiter: Sein Vorgänger im Amt, Yso von Wölpe, sei der Bruder einer der Grafen von Wölpe gewesen, die zwischen „Lüneburch“ und der Weser eine grosse Zahl kleinerer und grösserer Besitztümer hätten. Dieser Bruder des Vorgängers – ich fühlte mich bei seinen Erzählungen an alttestamentarische Stammbäume erinnert und konnte ihm bei seinen vielen Verweisen auf längst Verstorbene und mir schon im Grundsatz Unbekannte nicht immer folgen – hätte eine „Neue Stadt“ gegründet, denn Nienburg an der Weser gehöre ihm ja bereits, und neben dieser Stadt ein ebenso neues Kloster, das wiederum einen Schulbetrieb beherberge, und das wiederum – „interessanterweise“ – für Frauen aus edlem Hause. Dort möge ich mich erkundigen, und auch einen Gruss möge ich ausrichten. Und gerne könne ich ein paar Tage in Verden bleiben…

… denn mit dem, der mich letztlich geschickt habe, sei er – als Vertrauter des „bedauerlicherweise eben erst verstorbenen Königs Heinrich Raspe“ – wohl auch vertraut. War Bischof Luder bislang schon weitschweifig und übergenau gewesen, so überbot er sich nun in Rückbezügen, Querverweisen und am Ende nur noch kryptischen Hinweisen: Denn zusammen mit der damals amtierenden Königin Beatrix, von der er wisse oder ahne – er sei sich da gerade auch nicht ganz sicher – , dass sie sich wieder in den Niederlanden aufhielte, und wenn ich sie sähe, solle ich auch sie grüssen…, also zusammen mit der Königin, die da einmal war, jetzt aber nicht mehr sei, habe er, Luder, einmal die Urkunde des Königs, der schon wieder hatte abreisen müssen, gesiegelt. Das käme nicht häufig vor. – Ich konnte, auch wegen des mittlerweile ins Plattdütsch übergegangenen Diskurses, nur noch mühsam folgen. Doch ich nickte freundlich. Und den Gruss an die „Königin Beatrix“ halte ich eigentlich für einen Scherz: Wie sollte ich, das kleine Mönchlein, ihr denn je begegnen…?!

Nun gut, noch zwei Tage kann ich nun hier in Verden Gast des Bischofs sein, und das ist eine Ehre, die ich nur dem Umstand zuschreibe, dass Luder den eigentlichen Autor meiner Mission – den hohen Rechtsgelehrten aus Lyon – kannte. Nordstadt und Südstadt sind in Verden auf sehr erstaunliche Weise gleichzeitig getrennt und vereint, und beide haben sowohl Zugang zu der Aller, die unweit von hier in die Weser mündet, als auch je einen eigenen Markt. Wer hier wie das Sagen hat, ob der Adel des Umfeldes, das Domkapitel oder der Bischof, das ist mir gerade zu kompliziert, zu verwickelt, um es während meines kurzen Aufenthalts näher zu ergründen.

Was sie aber hier in Verden haben, das sind einige grosse Ställe mit wunderschönen, dampfenden Pferden, und ihrem heftigen Atmen, was man in der winterlichen Kälte, die zur Zeit herrscht wunderschön beobachten kann: Ihre geradezu rauchenden Nüstern stossen bei jedem Atemzug neblige Schwaden aus… Doch ich fürchte mich ein wenig vor den grossen, unruhigen Tieren. – Ich werde die winterliche Kälte nutzen und bald weiterziehen, vor die Tore Nienburgs, zu dem Grafen von Wölpe. Nur werde ich nicht alleine gehen, die Gegend ist mir zu wild, und der Wald südlich der Stadt und an der Aller scheint mir voll von wilden und um diese Jahreszeit hungriger Tiere zu sein.

Und noch eines liegt mir am Herzen, was ich bislang vergessen hatte: Ich werde der Quedlinburger Äbtissin Gertrudis berichten, was ich bislang gesehen habe. Und ich werde das noch von Verden aus tun, der Bischof hat sicher überall hin einen regen Botenverkehr, und überhaupt hat er etwas wie ein Fischernetz an Beziehungen über weite Teile der nördlichen Länder gespannt… auf seine Weise hat er etwas Geniales. Aber das ich ihr berichte, das hatte ich der Äbtissin Gertrudis versprochen. Und auch, was meine Pläne sind. Ich denke dabei auch an meine Schwester Anna… Vielleicht mag die Hohe Frau Getrudis mir ja dann nach Köln schreiben, denn ich weiss ja sicher, dass ich dort anfangs August sein soll. So hatte es mir Nantelmus geboten.

 

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