Des Grafen Neustadt

Es waren schöne und auch kalte Tage, die ich meist wandernd in einer weiss bepuderten Landschaft voller kleiner Flüsse und vieler Wälder verbrachte: Seit ich aus Verden weg bin, war der Himmel meist ruhig und oft schien eine kühle, winterliche Sonne.

In Rethem hatte ich als erstes Station gemacht und dort bin ich auch über die Aller, der ich nun schon mehrfach begegnet bin. Dann direkt nach Westen, Richtung Nienburg. Und als ich – mit einer Empfehlung des Bischofs von Verden – vor den Toren der Stadt in der Burg des Grafen Wölpe vorstellig wurde, nahm dieser mich gerne und freundlich auf.

Und ich blieb mehrere Tag, und der Graf – Konrad II. von Wölpe – selbst zeigte mir seine Stadt: Nienburg an der Weser. Fast wie einen hohen Herren hat er mich behandelt, und selbst der dortige Priester hat mir eine Reverenz erwiesen, als wäre ich der Bischof selbst. Mir, einem einfachen Mönch…

Doch wie alle Medaillen hatte auch diese zwei Seite: Graf Wölpe erläuterte mir seine komplizierten Familienverhältnisse, und auch welcher Onkel wo Bischof war etc. Ganz abgesehen, dass ich mit seiner Sprache Probleme hatte – vor lauter „ditt und dat“ – konnte ich mir am Ende nur behalten, dass sein Vater Bernhard II. eine neue Stadt gegründet habe, und es gäbe dort ein Kloster, und dort würde er mich nun um einen Gefallen bitten.

Es schien keinen anderen Namen für die neue Stadt als nur „Neustadt“ zu geben, was der schmucken, kleinen Siedlung keinen Abbruch tut. Keine Meile von der Stadt entfernt hätte seine Familie, die im übrigen eng mit dem früheren Kölner Erzbischof Rainald von Dassel, dem Reichskanzler Kaiser Friedrich Barbarossas in Italien, verwandt sei, ein Kloster gegründet. Dort lebten Zisterzienserinnen in grossre Abgeschiedenheit.

Aber die Äbtissin hätte es unternommen, seinen „Augenstern“, seine älteste Tochter, Margarethe, zu unterrichten, „bis das Mädchen standesgemäss verheiratet werden“ könne. Die Äbstissin sei eine ehrenwerte und gute Frau, aber es gäbe dort niemanden, der seine Tochter ausreichend in fremden Sprachen unterrichten könne. Sicher, Latein, sei ohne Zweifel allgegenwärtig. Aber seine Familie unterhielte traditionsgemäss gute Beziehungen an den Rhein, ja bis nach Frankreich. Ob ich nicht Französisch, und vielleicht auch ein wenig Griechisch, unterrichten könne?

Mein Lohn sei ein kostenloser Aufenthalt, und ein stattliches Angeld, das er mir sofort mitgeben würde. Den Rest würde ich bei Beendigung erhalten, wenn seine Tochter ein wenig Französich sprechen könne. Ob das bis zum Osterfest zu erledigen sei? – Er wolle mir dann zu Ostern meinen Lohn selbst bringen.

Ich war überfahren, aber ich willigte ein. Ich musste ihm dann andertags in aller Ausführlichkeit erläutern, woher ich genau käme, wo das Kloster St. Maurice läge etc., und er meinte, es würde ihm Freude bereiten, wenn seine Tochter Margarethe auch einige Brocken Italienisch lernen könne. Dann „parliere es sich leichter“, wie er sich ausdrückte.

Dass der Zeitplan für das junge Fräulein auch von ihrer Aufnahmefähigkeit abhängt, das versuchte ich ihm vergeblich beizubringen. Aber wir beschlossen den Handel dennoch damit, dass er mir das Angeld aushändigte und mich dann – zusammen mit einem offiziellen Schreiben an die Äbtissin – auf den Weg schickte. Seine Tochter möge ihm dann auch über den Fortschritt berichten.

Ich werde also heute noch, von Neustadt aus, wo sie gerade an einer Kirche und einer Art Festung bauen, zu dem Kloster aufbrechen. Und ich bin auf das Gesicht der, bislang ahnungslosen, Äbtissin gespannt.

Die Familie der Äbtissin soll aus einem kleinen slawischen Dorf auf einer grossen Insel im Mare Balticum kommen: „Dargen“, nannte es Graf Wölpe und die Insel sei Usedom.

Ob die Äbtissin noch die slawische Sprache beherrscht…? Ob ich ihr von meinem Besuch bei Niko erzählen kann? … ohne ihn und unser „Unternehmen“ wirklich zu gefährden? Was mich noch mehr bewegt: Ostern ist in diesem Jahr erst Mitte April, und bis dahin soll ich – nach dem Willen des Grafen – Sprachunterricht erteilen. In der Abgeschiedenheit eines winzigen Fleckchens Erde.Immerhin bin ich dort aber versorgt und verdiene Geld.

Doch wie soll ich so schnell von dort nach Köln kommen, damit ich dann – Ende April – in Köln mit dem Studium beginnen kann? Aber es müsste, nach allem, was ich weiss und in der Wärme des Frühjahrs, zu schaffen sein.

 

 

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