Überfüllt

Während noch die letzten Reste eines bleichen, weis-grauen Schnees an den Ufern liegen, sind alle Flüsse und Bäche angestiegen: Die nur unweit des Klosters Mariensee vorbeifliessende Leine ist überfüllt, wie mir scheint. Und deren schnell fliessende Wasser drücken in die an den Klostergebäuden vorbeifliessenden Bächer und Gräben, so dass dort ebenfalls alles überfüllt wird.

Und auch meine kleine Klasse, die mir Äbtissin Barbara zusammengestellt hat, ist überfüllt: Täglich nach den morgendlichen Gebeten treffen wir uns zum Unterricht mangels geeigneter Räume in der kleinen Bibliothek. Fünf ebenfalls blutjunge Nonnen bilden zusammen mit der Enkelin des Stifters von Mariaseen, der nicht zum Orden gehörenden, noch jugendlichen Gräfin Margarethe von Wölpe die kleine Klasse. Und es ist so eng, dass die Fräulein – ich weiss keine andere Bezeichnung – kaum schreiben können.

Weniger „überfüllt“ sind die Kenntnisse meiner kleinen Klasse, und wir haben das grosse Problem, dass es eigentlich keine Sprache gibt, in der wir uns wirklich gut verständigen könnten: Sie reden ein Niederdeutsch, das mir wie eine Fremdsprache vorkommt, und Latein können sie zum Teil dermassen schlecht, dass ich es nicht als Unterrichtssprache verwenden kann. Einzig Gräfin Margarethe liest recht flüssig Latein. Was tun?

Denn wie soll ich so ausgerechnet Französisch unterrichten? Die Grammatik, die Redewendungen, die Aussprache, wie soll ich all das vermitteln? Ich bin recht ratlos. Vielleicht sollte ich mit Latein beginnen, und dann Französisch „wie nebenbei“ einführen? – Ich werde mich mit der freundlichen und kundigen Äbtissin beraten.

Was weder überfüllt noch überhaupt angefüllt ist, das ist mein eigener Zeitplan. Auch weil der Unterricht bislang nicht anspruchsvoll ist, bin ich unterfordert. Und recht unvermittelt stehe ich vor der Frage, wie ich meine Tage hier anfüllen soll.

Und was, wenn die Wasser weiter steigen? Mir ist das so fremd, und ich fürchte im stillen, dass das gesamte Land sich in einen feuchten, kühlen Sumpf verwandelt, sobald der Schnee in der sicher kommenden Frühlingssonne schlagartig schmelzen wird. Werden wir dann eingeschlossen sein?

Ich fühle mich vergessen. Wie schon vor einem Jahr, noch zuhause in St. Maurice. Nun aber, ein weiteres Mal: Weit hinter dem Ende der Welt abgestellt, in einem mit Wasser überfüllten Land.

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