Die Kluge

Gräfin Margarethe ist bei weitem die scharfsinnigste der kleinen Klasse von Schülerinnen, die mir Äbtissin Barbara als Aufgabe zugedacht hat. Und sie wäre die Einzige, die einem Unterricht der französischen Sprache – vielleicht sogar irgendwann einmal auf Französisch? – folgen könnte, da bin ich mir mittlerweile sicher. Und sie ist auch die Einzige, bei der sich kein Sprachproblem derart stellt, dass ich – wie bei den Anderen – gar keinen vernünftigen Unterricht machen kann.

Zwar sind sie alle sehr gehorsam, züchtig und versuchen stets aufmerksam zu sein. Doch da sie nichts oder nur wenig verstehen, sind mir schon mehrfach einige eingeschlafen.

Wie würde ich es Anna beibringen, das Französische, habe ich mich in der letzten Nacht gefragt. Und ich habe einen allerersten Eindruck… und er ist sehr ungewöhnlich.

Doch möchte ich ihn mit der Äbtissin abstimmen, bevor ich weiterfahre. Und so werde ich heute, und wohl noch die gesamte Woche zunächst – wieder ist dies sehr ungewöhnlich für eine Anfängerklasse – Latein auf Lateinisch unterrichten. Doch eben dies werde ich nicht machen, wie es alle tun: Ich werde nicht zuerst grammatische Regeln herunterleiern, sondern ich gehe mit den noch sehr mädchenhaften Nonnen an einen Text, genauer an Textauszüge, die mir persönlich viel bedeuten. Vielleicht färbt es ja in gewisser Weise ab?

Denn ich habe gestern in der Bibliothek eine komplette Abschrift der «Confessiones» des Aurelius Augustinus entdeckt, und er schreibt sehr viel über Kindheit und Jugend und Leben und Tod, und überhaupt so Vieles, was uns alle bewegt. So hoffe ich wenigstens…

Ich werde mich nun aber sofort aufmachen, und meinen Schülerinnen einige Auszüge aus den Texten des Augustinus anfertigen. Aber ich werde alles neu und anders ordnen: Sie sollen eine wirkliche Chance haben, sich dieser glorreichen Sprache mit Freude zu nähern.

Ich werde mir Mühe geben, meinem gesamten Vorhaben hier den richtigen Boden zu geben: Ein festes Fundament!

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