Annas Gedenken

Noch ist es nicht dazu gekommen, nein das ist falsch. Ich muss ehrlich sein, ich habe mich nicht getraut. Aber am heutgien Nachmittag habe ich der Äbtissin Barbara eine schriftliche Bitte eingereicht, dass ich sie unbedingt sprechen möchte. Denn ich muss es ihr selbst sagen, ich muss es ihr zeigen:

Ich habe – wenn ich weiterfahre mit den üblichen Schulmethoden – keinen wirkliche Erfolg. Zwar sind die jungen Klosterfrauen hier im Kloster Mariensee allesamt wirklich willens. Aber sei es wegen des feucht-kalten Wetters, der schweren Arbeit, die neben dem Schulunterricht auf sie wartet, oder weil sie mich einfach nicht verstehen: Sie schlafen mir immer im Unterricht ein. Oder sie schwatzen, plappern… und das Schlimmste: Ich verstehe sie meinerseits auch nicht! Oder nicht wirklich, denn wer kann schon mädchenhafte Scherze in niederdeutscher Sprache verstehen?!

Aber was ich vorhabe: Ich will der Äbtissin die ersten Entwürfe meines Lesebuchs zeigen, das ich für meine Schwester Anna gemacht habe, oder was ich gerade noch dabei bin zu verfassen. Denn mein Gedanke ist: Wenn ich hier, bei den jungen Nonnen, vorgehe, wie ich bei Anna vorgegangen bin, dann werde sie alle zusammen etwas lernen! Da bin ich fast sicher.

Zudem würde ich gerne auch darüber der ehrenwerten Äbtissin Gertrudis von Quedlinburg berichten, der ich ja versprochen habe, auch über die schulische Ausbildung von Mädchen und Frauen einen Anschauungsbericht zu geben, und wie es darum steht im Reich.

Nun, ich bin gespannt, ob und wie Äbtissin Barbara Zeit für mich haben wird, in den kommenden Tagen. Und mein Verstand sagt mir auch: Wahrscheinlich werde ich noch etwas von ihr lernen können, denn sie ist ja die Erfahrenere.

Mir setzt die kalte, aber doch nicht wirklich winterliche Witterung zu, und ich muss mir von einer der heilkundigen Schwestern einen Kräuteraufsud für den Abend vorbereiten lassen, damit ich wieder frei atmen kann.

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