Invocabit

Die Fastenzeit hat begonnen, und heute ist „Invocabit“, der erste Sonntag der Fastenzeit im Jahre 1248 A.D. Ich habe früh in der vergangen Woche erfahren müssen, dass die Äbtissin des Klosters für rund zwei Wochen verreist sein wird. Und man erwartet sie nicht vor dem kommenden Wochenende „Reminiscere“ zurück. Und so wird sie sich nicht vor dem kommenden Wochenende zu meiner Bitte äussern können.

Ich hing in der vergangenen Woche mit meiner Entscheidung also in der Luft, ob und wie ich mit der Idee von „Annas Lesebuch“ weiter verfahren soll. Und ich bin erbärmlich unterbeschäftigt. Das ist nicht einfach: Ich bin nun fast ein Jahr lang unterwegs, und stets waren meine Tage mit Ereignissen und mit Neuem randvoll gefüllt. Nun aber: So etwas wie Leere. Und ich muss aufpassen, dass ich nicht zurückfalle in die Art von „innerer Dukelheit“, die mich in der Fastenzeit des Vorjahres in St. Maurice umfing.

Und so habe ich mich an meinen eigentlichen Auftrag erinnert, der mich in das Kloster Mariensee gebracht hat: Ihr Vater, Graf Wölpe, hat mich beauftragt, seine Tochter Margarethe in Französisch zu unterrichten.

Und so habe ich begonnen. Ich habe es einfach so getan, wie ich es mir „irgendwie“ vorstelle: Mit einfachen Worte, mit vielen Bildern, mit kleinen, gespielten Situationen und mit viel Konversation. Und ich musste es im Einzelunterricht machen, denn für einen solchen Unterricht bei den eigentlichen Nonnen habe ich kein Mandat. Sehr wohl machen wir mit dem Lateinunterricht weiter, aber es ist mühsam und langwierig. Und selbst Augustinus interessiert sie nicht sehr. Obwohl er bisweilen faszinierend schreibt. Was mache ich falsch? Ich wünschte ich könnte mich mit der Äbtissin besprechen…

Margarethe hat viel Spass an dem Einzelunterricht, den wir freilich nur in der Bibliothek abhalten können, was bisweilen Andere stört. Einmal sind wir jedoch – als gerade die Sonne schien und etwas trockeneres Wetter herrschte – ins Freie, in die Gärten, gegangen. Und ich habe ihr Blumen und Bäume, Vögel und die Tiere des Bauernhofes erklärt. Ich glaube, wir haben etwas die Zeit vergessen: Wir waren mehrere Stunden zusammen unterwegs. Und am Ende konnte sie nicht noch mehr aufnehmen… und sie hat einfach nur gelacht. Warum weiss ich nicht. War es wegen der Aussprache, die sie, glaube ich, einfach witzig findet?

Margarethe ist nicht wie meine Schwester Anna. Sie ist nicht so albern, nicht so ungezügelt, sie ist nicht so kindlich. Gräfin Margarethe ist eine Frau. Sie ist intelligent, sehr zurückhaltend, ausser wenn sie ab und zu einfach loslacht und nicht mehr aufzuhören scheint. Und sie ist warm und entgegenkommend in ihrem Wesen. Am Ende des Unterrichts muss ich mich fast von ihr losreissen, ich will meist gar nicht aufhören. Und ich bin unruhig deswegen. Aber das muss ich mit Gott ausmachen, denn damit kann und darf ich nicht zu der Äbtissin gehen.

Und ich war noch nie in solch einer Situation.

Zum Trost und in Erinnerung an die grosse Reise, die mich im vergangenen Sommer hierher in den Norden gebracht hat, wende ich mich an das Wort des heutigen Sonntags „Invocabit“. Doch ich habe schon heute früh den gesamten Psalm gelesen, nicht nur die Auszüge. Und dieser Psalm beginnt:

„Qui habitat in abscondito Excelsi in umbraculo Domini commorabitur, dicens Domino spes mea et fortitudo mea Deus meus confidam in eum…

… Wer im Verborgenen des Erhabenen wohnt und unter dem Schatten des Herrn bleibt, der spricht zu dem Herrn: „Meine Hoffnung und meine Festung, mein Gott. Ich vertraue ihm“.

So habe ich es übersetzt. Und ich werde den gesamten Psalm, nicht nur die Verse dieses Sonntags, in den Lateinunterricht hineinnehmen. Und das werde ich nun jede Woche machen. Das hilft meinen Schülerinnen sicher! Und Margarethe werde ich ein paar Brocken davon auch auf Französisch beibringen, die ersten einfachen Sätze wie:

… Eternel, tu es mon refuge et ma forteresse, oui, tu es mon Dieu en qui j’ai confiance…

Es ist noch Sonntagmorgen. Aber ich kann den morgigen Montag kaum erwarten…

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