Margarethe

Margarethe schien mir betrübt, die letzten Tage. So sehr betrübt, dass ich sie anfangs sogar bedrängte, sie möge sich mir doch offenbaren, das würde ihr Erleichterung verschaffen. Nichts würde ihr gerade Erleichterung verschaffen, erwiderte sie nur… Und sie hätten einen Todesfall in der Familie, von dem sie gerade erst erfahren habe.

Ihre Trauer war so stark, dass sie auf mich übersprang, und ich habe viel Gebets bedurft und nachts auch langes Wachen, bevor ich wieder einen freudigen Geist in mir spürte.

Auch fiel mir in diesen Tagen – wo ich mich ein wenig an die hiesige Sprache gewöhnt habe – erstmals auf, dass Margarehte einen etwas anderen Akzent hat als alle anderen jungen Frauen hier: Sie spricht weicher, rundet das „r“ weit hinten im Rachen ab und nimmt dafür das „ei“ ganz nach Vorne, hinter die Zähne. So wirkt es auf mich. Und manchesmal sagt sie in diesem Dialekt Dinge, die ich gar nicht verstehe. Doch immer noch scheue ich mich, sie zu fragen, woher dieser Umstand käme. Es wirkt, als sei sie gar nicht von hier…

Viel zu oft – eigentlich – sind wir aber zusammen gewesen, die letzten Tage besonders. Sie scheint irgendwie Halt bei mir zu suchen. Und auch ich muss bekennen, dass ich derart gerne mit ihr zusammen bin, dass ich am liebsten jede Minute, und nicht nur die „freien Minuten“, mit ihr verbringen möchte…

Ausserhalb des Klosters hat sie, im warmen Wetter der vergangenen Vorfrühlingstage, einmal ihre Haube abgenommen… sehr zu meiner Verwirrung. Ich sah ihr Haar, ihre klugen, dunklen Augen, ihren so oft in unbestimmbare Weiten sehenden, intelligenten Blick. Margarethe ist nur wenig jünger als ich, und sie wird mir nolens volens zur ständigen Begleiterin.

Gehen wir zu weit? Und wann wird sie sich mir offenbaren, da doch der Druck ihrer Trauer immer stärker zu werden scheint?

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