Reisepläne und Herzenswunsch

Ich habe den Rest der Woche versucht, Margarethe aufzuheitern, aber es ist mir nur teilweise gelungen. Doch weicht sie kaum noch von meiner Seite, und wir haben den Französischunterricht ausgeweitet.

Ich habe ihr von meinen weiteren Reiseplänen erzählt, dass ich nach Köln will, bzw. muss. Und auch dass Albert von Stade mir geraten hat, zu einem weiteren Studium nach England zu fahren. In eine Stadt, die Oxford heisse, und dort gäbe es bereits eine Universität.

Margarethe hat sich „brav“ interessiert gezeigt und sogar schon ein paar Vokabeln gelernt wie „Cologne“ oder „Angleterre“ und „Université“. Auch war sie sehr bewegt, als ich ihr von meienr Schwester Anna berichtete. Und sie findet auch meine „bebilderte“ und „durch Vorführungen bewegte“ Methode des Unterrichtens sehr gut… Was mich freut.

Ihr Vertrauen ging so weit, dass sie mir erneut sagte, es sei ein nahestehender Verwandter gestorben, und sie sei in grosser Unsicherheit. Ob ich etwas für sie tun könne, fragte ich, und sie dachte lange nach. Und: Wann ich denn gehen müsse, erkundigte sie sich.

Und sie schien sehr betrübt und wandte sich oft ab, als ich ihr sagte, ich müsse wohl schon in knapp zehn Tagen, vermutlich am Sonntag Oculi gehen, damit ich Köln noch rechtzeitig zum Unterrichtsbeginn erreiche. Und solche Gewaltmärsche, wie ich sie zum Teil auf meinem Weg hierher erlebt hätte, die wollte ich nicht unbedingt wiederholen. Das stünde jedoch in Widerspruch zu den Wünschen ihres Vaters, der ja wollte, das ich sie, Margarethe, bis Ostern unterrichte. Aber ich würde es wohl nicht schaffen, und ich wolle ihm schreiben, dass ich leider gehen müsse, aber auf den Rest meines Honorares verzichte… Ich hätte es um seiner Tochter willen gerne getan.

Ich war entsetzt, dass Margarethe daraufhin weinend zusammenbrach, und zum Glück waren wir weitab vom Kloster zu diesem Zeitpunkt, auf einem Spaziergang die Leine hinab. Und sie beruhigte sich kaum noch. Als sie schliesslich zu sich kam und die Fassung wieder gewonnen hatte, bat sie mich schluchzend, etws für sie zu tun, „nur das Eine“, und ich wusste nicht, was sie meinte.

Und noch heute wolle sie mir einen Brief mitgeben. Und dann kam es doch ein wenig aus ihr heraus: Ob ich für sie nach „Leuven“ gehen könne, sobald ich irgend Zeit dafür finden würde? „Sobald als möglich“, „zo snel als je kunt„, und ich war höchlich überrascht: Das war doch kein Niederdeutsch! Und wo ist „Leuven“?, fragte ich sie. Nicht sehr weit hinter Aachen, nach Westen. „Aber das ist doch in Holland“, wandte ich ein. Und, nein, es sei in Brabant.

Ich bejahte, ich würde sehr viel tun, wenn ihr das wichtig sei… Aber was sie mit Brabant zu tun habe, insistierte ich nun meinerseits. Sie stamme doch von hier.

Es war als hätte ich ihr einen Stich ins Herz gegeben und hemmungslos schluchzend wandte sie sich ohne ein weiteres Wort ab und rannte zurück, Richtung Kloster. Ich konnte ihr gerade noch nachrufen, dass ich in meiner Zelle warten würde, bis ich Nachricht von ihr erhalte. Und morgen, Samstag, gäbe es keinen Unterricht, ich müsse noch etwas für die Äbtissin vorbereiten.

Nun harre ich hier ihrer Nachricht. Und mein Verstand rast, und mein Herz klopft ständig fragend: Was hat sie nur?

 

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