Reminiscere

Ich bin erschüttert. „Margarethe“ ist nicht Margarethe, nicht die Margarethe, für die ich sie gehalten habe! – Und ich bin sprachlos: Den ganzen Tag habe ich gebraucht, um für das Ganze überhaupt Worte zu finden. Und erst jetzt kann ich mir schreibend darüber etwas klarer werden.

Es war noch nicht Tag, als sie an die Tür meiner Zelle klopfte. Fast hätte ich es überhört, denn sie kam durch die Aussentür und klopfte an dieser an, da sie zu meinem Flügel keinen Zugang hat. Sie stand vor mir, als käme sie von einem Spaziergang, mit Mantel, Haube und festen Schuhen bekleidet. Ich konnte ihre Augen nicht sehen, dafür war es zu dunkel. Aber ihre Stimme zitterte und sie sprach tränenerstickt. Als ob sie Entdeckung befürchtete, steckte sie mir – noch unter der Tür – einen versiegelten Umschlag zu. Den möchte ich seinem Adressaten bringen. Das ist das, was sie bedrücke, darum wolle sie mich bitten. Und sie würde mir alles später am Tag erklären.

Dann rannte sie davon und muss sich – als ob sie unterwegs gewesen wäre – von aussen wieder durch die Klosterpforte in das Innere der Gebäude begeben haben. Und später sah ich sie von Ferne – denn ich besuche den Gottesdienst ja räumlich getrennt von den Nonnen und den übrigen Frauen, die hier leben – während der Laudes. Ihr Gesicht verbarg sie ständig, als ob es ihr nicht gut ginge.

Bei Tagesanbruch sah ich mir den Brief im hellen Licht an. Er war versiegelt, und es war das Siegel der Grafen von Wölpe. Nun, dachte ich, wenn schon ein Siegel, dann das des väterlichen Hauses. Aber Margarethe, die minderjährige, unverheiratete junge Frau führte ein eigenes Siegel… Schon das kam mir seltsam vor. Noch seltsamer war der Adressat. Ich las nur den Namen: Heinrich III., Herzog von Brabant. Wie kommt sie dazu…! Das dachte ich zunächst. Und warum sollte ich hier irgendwelche „Anbahnungen“ vornehmen, auch noch vorbei an ihrem Vater, dem Grafen Wölpe, der zur Zeit mein Dienstherr ist. Keinesfalls!

Und ich wartete, und wartete, und wartete. Wartete auf ihre Erklärungen.

Dann zu Mittag, nach dem Essen, bedeutete Sie mir, sie wolle sich mit mir nach der Non, dem Stundengebet zur neunten Stunde, am grossen Fluss, also an der Leine treffen. Es war klar, dass sie den Platz meinte, an dem wir uns schon öfter getroffen hatten, für ein Gespräch, eine Lehrstunde im Freien oder einen Spaziergang. Einen grossen umgefallenen Baum gab es da, und man konnte sich setzen. Und tatsächlich erschien sie, immer noch aufgelöst. Ich hatte Mühe, mich zu beherrschen, weil ich wähnte, sie hätte sowohl Ihren Stand als auch den allgemeinen Anstand bei weitem überschritten. Doch sie fiel mir richtiggehend in den Arm und bat mich inständig, ihr zuerst zuzuhören, bevor ich sie durch einen heftigen Ausbruch allzusehr verletzen würde…

Es war ein Rätsel, aber ich zügelte mich. Auch aus tiefer Zuneigung, muss ich gestehen.

Sie war dann recht „geradeheraus“: Ja, sie sei Margarethe. Aber sie sei eine „andere Margarethe“. Als ich nicht sofort verstand, warf sie es mir förmlich an den Kopf: Graf Wölpe sei nicht ihr Vater. Mir stockte der Atem. Aber er sei ihr Ziehvater… Ihr Vater sei ein anderer, und dem sei Graf Wölpe, „und er ihm“, verbunden… „gewesen“, fügte sie in tiefer Trauer hinzu: Ihr Vater, der richtige, sei vor wenigen Wochen gestorben, Anfang Februar. Doch sie hätte erst vor kurzem davon erfahren.

„Und?“ Ich wollte mehr wissen. Da rückte sie mit der Sprache heraus: Der Brief sei für ihren Bruder, Heinrich III., Herzog von Brabant. Und wenn ich doch sowieso nach Köln ginge… zögernd fügte sie hinzu, das sei gar nicht mehr weit.

Ich war aufgesprungen. Ich fühlte mich irgendwie – in vermutlich bester Absicht! – verraten. Hintergangen. Und ich war sehr verärgert. Andererseits war mir nun aber sofort klar, wieso ich Margarethe in Französisch unterrichten sollte! Und: „Der herzensgute Graf Wölpe!“, dachte ich, er zieht ein fremdes Kind gross und gibt ihm Schutz vor Verfolgung. Denn das alles muss einen konkreten Grund gehabt haben.

Hilflos stand ich vor Margarethe: „Dann habe ich unwissend eine Herzogin unterrichtet?“ Doch sie entschuldigte sich, und sie bat mich, sie weiter einfach nur als „Margarethe“, meine gelehrige und willige Schülerin, zu betrachten. Sie wäre diejenige, die jetzt Hilfe brauche, denn sie wisse überhaupt nicht, wie es nach dem Tod ihres wirklichen Vaters, des Herzogs von Brabant, nun weiterginge. Zuletzt hatte er sich, obwohl dem Kaiser direkt verbunden, doch sehr um die Königswahl des Grafen „Willem“ bemüht… und Wilhelm von Holland sei ja nun auch König der Deutschen geworden.

Mir raste der Kopf. Ich bin zwischen alle Fronten geraten: Mein Bruder in der Kanzlei des Kaisers in Italien und ich der Privatlehrer der Herzogin von Brabant. Das war fast die Gegenpartei. – Während ich noch offensichtlich über all dem brütete, ging die Sonne an der Leine unter und tauchte alles in goldenes Licht.

„Im Grunde bitte ich Dich, so schnell als möglich zu meinem Bruder zu gehen und ihm persönlich, und nur ihm persönlich!, meine Nachricht zu brignen. Wolltest Du nicht sowieso Ostern schon in Köln sein?“. Als ich bejahte, verwies sie auf die untergehende Sonne, und sie müsse zur Vesper, sie würde erwartet. – Ich blieb konsterniert zurück.

Wie soll ich mich nun verhalten? Was werde ich der Äbtissin mitteilen müssen, was nicht? Ich bin ratlos.

Und ich erinnerte mich des heutigen Sonntags: Heute ist der Sonntag „Reminiscere“, der zweite der Fastensonntage.

Reminiscere miserationum tuarum…

…Denk an dein Erbarmen, Herr, und an die Taten deiner Huld; denn sie bestehen seit Ewigkeit.“

Wie soll ich ergründen, was damit gemeint ist? Schon im vergangenen Jahr in St. Maurice, hat mich dieser Sonntag besonders irritiert. Denn: Wenn man ihn ernst nimmt, dann werden die Fragen, auch die an Gott, ständig mehr. Und nicht weniger.

Für den morgigen Montag werde ich die „Iden des März“ vorbereiten, auch für den Lateinunterricht der hiesigen Nonnen. Und – in meiner Wut und Enttäuschung und Überraschung – fühle ich mich, ein wenig übertrieben, fast wie der gemeuchelte Cäsar, der dem Brutus sterbend zurief: „Auch Du, mein Sohn Brutus“.

Aber wenn ich ehrlich bin, ich darf mich nicht bedauern und mein Ärger ist unbegründet: Nicht ich bin das Opfer, nicht mir geschieht Unrecht, und nicht ich trage hier die Last. Sondern es ist die gute und kluge Margarethe. Und Gott wird sich ihrer erinnern, und ich werde meinen Teil tun können und ihr – so Gott will  – heraushelfen. Schon weil ich so viel für sie empfinde… Aber auch, weil ich fühle, dass es Teil meines Auftrages ist: Helfen. Zurecht-Bringen. Unterstützen. Heranbilden.

So gehe ich denn, wie ich es schon in St. Maurice im Gebet gesehen habe, schon bald weiter, von Perle zu Perle, entlang der Perlenkette meines Lebens. Immer die grösste aller Perlen im Blick.

 

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