Oculi

„Meine Augen sehen stets auf den Herrn…

… Oculi mei semper ad Dominum“… So steht es in dem heutigen Sonntags-Psalm. Aber so steht es nicht in meinem Herzen. Voller Schmerz sahen meine Augen stets auf Margarethe: Ich sah Ihre Trauer. Ich fühlte ihre Angst. Ich erriet ihre Gefühle. Und mehr als einmal errötete sie unter meinen entlarvend-hellsichtigen Einblicken in ihr Seelenleben, die ich nicht umhinkonnte, ihr mitzuteilen.

Doch gemach! Rief ich mir zu. „Halt ein!“, herrschte ich mich an. Und „nimm Dich zurück!“, gebot ich mir. Ich will mir nicht einmal einen innerlichen Fehltritt gönnen! Nicht einmal in Gedanken das Naheliegende mir vorzustellen wagen. Nicht wie schon einmal, vor über einem Jahr, weit weg, noch im Wallis, in der Fastenzeit m Kloster St. Maurice.

Ich will sie aber auch nicht verherrlichen: Sie ist ein Mensch. Doch ist sie eine Herzogin, und wenn schon nicht in Amt und Würden, dann doch vom Geblüt und der Familie her. ein herzögliche Schülerin, eine gelehrige Freundin.

Doch ich muss weg. Nicht nur wegen ihres Briefes, sondern auch um meinetwillen. Und natürlich umihretwillen: Denn jetzt noch mehr als vorher wäre der Unterschied in Stand und Rang, ganz zu schweigen von meinen geitlichen Gelübden, unerträglich. Ich muss weg, nicht nur weil Margarethe mir einen Brief gegeben hat an ihren ältesten Bruder in Leuven. Ich muss weg, weil ich sonst mehr zerstöre als gutmache.

Das Gespräch mit der Äbtissin, das zu meinem Bedauern bislang noch nicht stattfand, wohl weil sie immer noch abwesend ist, würde jetzt auch nichts mehr bewirken. In der Nacht noch schreibe ich ihr einen Brief, sie möge mir verzeihen, es sei unaufschiebbar, und sie wolle mich doch beim Grafen Wölpe entschuldigen, dass ich den Auftrag nicht hätte zu Ende führen können. Doch würde ich auch auf die zweite Hälfte meines Entgeltes verzichten.

Und überhaupt hätte ich in Erfahrung gebracht, dass er ein allzu gütiger Mann sei. Und bis an mein Ende würde meine Achtung vor ihm bestehen bleiben… und so weiter.

Eines aber werde ich ihr nicht sagen: Dass ich es herausgefunden habe, wer Margarethe wirklich ist. Und wohin ich genau eile.

Denn eilen werde ich müssen: Erst gestern, am Samstag, habe ich mir in dem nahen Neustadt alle Einzelheiten des Weges nach Köln erläutern lassen. Und Ostern ist ja bereits am 19. Tag des Monats April. Es darf also nichts dazwischen kommen, auf dem Weg über Loccum, Minden und Kaiserswerth, wie sie es wohl nennen. Und dann den Rhein entlang nach Köln, wo meine Ausbildung beginnt. Dort werde ich mir – so schnell es irgend geht – eine zweiwöchige Auszeit nehmen und den Herzog von Brabant aufsuchen. Im Auftrag seiner Schwester.

Und ich fürchte die allenthalebn aufgetauchten Hochwasser, und die Leine – praktisch vor der Haustür – sie ist über die Ufer getreten. Und wie es werden wird an den anderen Flüssen, vorneweg an der Weser, das weiss ich nicht!

Ich hoffe, dass es alles klappt… und nun – es ist wie Fieber! – werde ich erneut mein dickes Reisebündel packen. Und auch Margarethe werde ich noch einige Zeilen schreiben. Mir ist schon ganz wehe…

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