Zer­ris­sen

Ich war schockiert, als ich vor wenigen Tagen – auf meinem Weg nach Köln – zu der Kaiserpfalz in Kaiserswerth kam. Ich hatte mich gefreut, diesen für das Reich so wichtigen Ort besuchen zu können. Und insgeheim hatte ich gehofft, dort wenigstens kurz Herberge zu finden. Doch was ich fand war ein Heer, waren Soldaten aus verschiedenen Grafschaften und Regionen, auch einige, die niederländisch sprachen.

Kaiserswerth wird von den Truppen Wilhelms von Holland belagert, und das seit Mitte Dezember des vergangenen Jahres. Und auf meinem ganzen Weg hierher war dies niemand bekannt gewesen… Oder fand es niemand erwähnenswert?

Und die Herren der Pfalz wehren sich entschieden, und so konnte die direkt am Rhein gelegene Burg nicht erobert werden. Doch nun käme der „neue König“ Wilhelm wohl bald selbst, „in den nächsten Tagen“. Ich aber floh den Ort. Ich floh die Zerrissenheit des Reiches, in dem es auf fast allen Ebenen, von der kaiserlich über die königliche, ja teilweise noch bis in die bischöfliche, zwei ja manches Mal mehrere Parteien gibt. – Und in einer kleinen, aber – wie es scheint – aufstrebenden Siedlung am Flüsschen Düssel fand ich Herberge.

Und ein wenig später konnte ich am Folgetag über den Rhein setzen, zwei Fischer nahmen mich mit auf die andere Seite des grossen Stromes. Nach einem weiteren Tag kam ich in Köln an und fand in dem bisher der heiligen Magdalena geweihten Kloster an der Stolkgasse nicht nur Herberge, sondern auf Wegweisung und Auskunft. Die wohl wichtigste dieser Auskünfte ist die, dass Magister Albertus noch gar nicht – wie ich fest vermutet hatte! – aus Paris eingetroffen war. Er wird erst im frühen Sommer erwartet. Und für ein Studium ist hier noch nichts vorbereitet. Auch sind noch keine weiteren Studenten da. Und auch ich kann nur wenige Tage bleiben. Wohl sei ich registriert für die Aufnahme des Studiums. Auch ahbe mein Kloster in St. Maurice bereits dafür bezahlt. Aber ich solle anfangs August wiederkommen, beschied man mir.

So bin auch ich nun zerrissen, nicht nur die Mächte im Reich: Wo soll ich bleiben? Wohin sollte ich gehen? Was muss ich unternehmen? Wo ist ein Ratgeber? – Ich raufe mir die Haare…

Doch fand ich wertvolle Nachrichten: Zuallererst von Nantelmus: Der treue Vater unseres Klosters, zuhause, an der Rhône, wünscht mir alles Gute für meinen Auftrag hier in Köln. Und er hat bereits das Geld für das Studium bezahlt, schreibt er… Nun, das wusste ich ja bereits. Was er nicht weiss, ist aber, dass ich zu früh hier bin. Und meine Zeit bis August gilt als nicht bezahlt. Und er kann mir nun auch nicht helfen: Ich muss – mit Gottes Hilfe! – alleine klar kommen hier.

Zu Tränen gerührt hat mich ein kurzer Brief der Äbtissin Gertrudis aus Quedlinburg, die mir ebenfalls einen guten Beginn und den Segen unseres Gottes wünscht. Und sie hätte unser Gespräch über meine Schwester Anna noch immer nicht vergessen. Und das Grösste von allem: Sie stünde zu ihrem Wort… ich müsse nur einen guten Bürgen finden… Meine Gedanken rasen.

Und die schönste aller Nachrichten kommt von Nikolaus aus Lübeck: Nachdem ich ihm den weissen Stein nach Wismar gesandt hatte, ist er wohl nach Lübeck gegangen. Und er hat sich der Angelegenheiten der Witwe Friedmanns in unserem Sinne angenommen. Verblüfft – und ein wenig verwirrt – bin ich aber darüber, dass er schreibt, er wäre nun darangegangen, die Tochter Friedmanns in den Dingen des Geschäfts auszubilden, und sie seien jeden Tag zusammen. Was soll, was kann daraus werden?

Und wohin werde ich mich nun wenden?

Ich bin verstört…

Schreiben Sie einen Kommentar