Ad Orientem

Der Königsthron des grossen Kaisers Karl, hier in Aachen, wo ich heute – nach einem Gewaltmarsch – angekommen bin, ist das denkwürdigste, das ich je gesehen habe: Ad orientem, nach Osten hin, gerichtet, scheint er mir wie auf etwas Anderes hin orientiert zu sein.

Auf diesem Thron wurden schon so viele deutsche Könige gekrönt, aber nie war in einem Gottesdienst der König die Hauptperson: Sondern mit allen andern, der ganzen Gemeinde zusammen, sahen alle deutschen Könige „ad orientem“, nach Osten hin. Denn von dort – und vielleicht sehe ich das Ganze zu sehr als Mönch und Glaubensmensch – von dort, vom „Aufgang der Sonne her“, schienen sie alle einen Ander König zu erwarten: Den König der Verheissung.

Und ich frage mich: Ist das der König, der auch mir – als sprichwörtlicher „Orientierungspunkt“ meines Lebens – am Ende meiner Tage, oder am „Ende der Perlenkette meines Lebens“, wie es mir einmal als Bub verheissen worden war, Ziel und Erfüllung in einem sein wird? … Und wäre ich alleine gewesen, in der eimaligen Kirche, der Pfalzkapelle Karls des Grossen, ich hätte es gewagt, mich dort oben hin zu stellen, nicht um dort zu „sitzen“, nur um dort stehend Ausschau zu halten, ob man ihn – wie in einem Tagtraum – vielleicht sehen könne… Vage Hoffnung, glühendes Herz…

Kommt dann der Tag, an dem wir ihn sehen, den, den auch Kaiser und König anbeten werden, dann ist auch die Zeit gekommen, dass er sich – vollgültig – „an uns erinnern“ wird: Dann ist auch das „Reminiscere“ erfüllt. Dann ist die Erwartung erfüllt, dann wird er sich uns ganz zugewandt haben, dann ist auch Gottes „Erinnern“ erfüllt. Dann ist die Erlösung der Welt leibhaftig da.Dort, „im Osten“, in Jerusalem, dort erwarten wir ihn. Und „kein Mensch kennt die Stunde“, aber wir sollten wachsam sein. Denn sie wird überraschend kommen, „wie ein Dieb in der Nacht“.  Und dann wird es so sein, wie der Prophet sagt, dann wird

… jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift,… omnis violenta praedatio cum tumultu et vestimentum mixtum sanguine…

verbrannt und verzehrt werden… Und obwohl so hochherrschaftlich, steht dieser Thron auch dafür.Doch ich höre hier in Aachen auch Kunde von einer sehr kurz bevorstehenden Belagerung der Stadt: Der junge König Wilhelm, er will auf eben diesem Thron alsbald gekrönt werden, als König der Deutschen. Und er wird alles tun, das zu erreichen.

So werde ich geradezu fliehen. Fliehen von dem Ort, an dem ich so gerne Stunden, Tage, ja Wochen bleiben würde. Fliehen, wo ich doch dem allem so nahe bin, was mein Herz im Innersten bewegt.

Doch es ist der eine Brief in meinem Bündel, den ich sicher seinem Empfänger überbringen will, ohne jedes Risiko für Leib und Leben: Es ist der Brief an Margarethes Bruder. Und meine Scheu ist gross, solch bedeutenden Herrschaften auch nur zu begegnen. Aber für Margarethe tut es Not! Und ich habe es ihr versprochen.

So werde ich denn beim Anbruch des neuen Tages, sobald das immer heller scheinende Frühlingslicht es erlaubt, gen Westen aufbrechen und meinen Weg suchen. Zum Herzog von Brabant.

 

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