Das Gedenken

Gott hat „meinem Hause“ – dieser lärchenhölzernen Hütte einer vergessenen Bergbauernfamilie – heute eine grosse Ehre zuteil werden lassen. Und mein mich in den vergangenen Monaten beständig begleitendes Gebet, der Herr möge sich doch an mich „erinnern“, hat sich – wenn ich die vergangenen Stunden nicht geträumt habe – auf eine fast unvorstellbare Weise erfüllt.

Und auch noch jetzt – es ist wohl Mitternacht an diesem 14. Tag des April 1248 A.D. – sitze ich beim hellen Schein zweier Kerzen. Und noch weiss ich nicht, was genau in dem Brief stand, den meine so gelehrige Schülerin und, ich muss es gestehen, meine mir in nur wenigen Wochen so tief ans Herz gewachsene Vertraute Margarethe dem Herzog von Brabant, ihrem Bruder Heinrich III., schrieb.

Doch der mich in den ersten Minuten meines unangekündigten Besuches verständlicher Weise so misstrauisch beäugt und auf grosser Distanz gehalten hatte, der ausgesprochen junge, hohe Herr, den ich mit „Eure Hoheit“ angesprochen hatte, nicht wissend, was ich sagen sollte, der brach als erstes stumm das Siegel des Briefes, den Margarethe, seine Schwester, mir mitgegeben hat.

Dann stockte sein Atem, und er rang lange um Fassung. Dann hiess er mich alsbald in einer Fensternische seines Empfangsraumes Platz nehmen. Und er liess mir Brot, Käse, Wein und Wasser servieren, und ständig sah er mich von der Seite an. Und seine hellbraunen Locken schüttelte er, als ob er nicht glauben wolle, was er gelesen hatte.

Mir gelang es dann doch noch, ihm eine Frage zu stellen: Denn der Bischof von Verden hatte mir bei meinem Besuch eine Grussbotschaft mitgegeben an eine Dame, der er früher – als diese noch ein hohes Amt hatte – einige Zeit gedient hatte. Und so fragte ich den jungen Herzog, ob er diese Dame kenne und ob sie gegebenenfalls auch zu seiner Familie gehöre. Und ich zeigte ihm den recht kleinteilig gefalteten Brief des Bischofs von Verden an Beatrice von Brabant.

Noch sprachloser war der jugendliche Herrscher dann. Aber – ohne mir auch nur im geringsten zu antworten – schickte er nach einer Dame, mehr verstand ich zunächst nicht. Sie sprechen ja dieses seltsame Niederdeutsch hier, so wie Margarethe auch einmal gesprochen hatte.

Ich wartete. Und ass. Und trank. Und dachte angestrengt nach…

Dann öffnete sich plötzlich eine Tür und ich erschrak zu Tode: Ich meinte Margarethe in den Raum treten zu sehen, so sehr ähnelte ihr die ebenfalls noch junge, wunderschön gekleidete  Dame. Und alle erhoben sich. Die Dame schien mir kaum älter als ich selbst, und alle sind hier so ungemein jung und schön, im Herrscherhaus von Brabant.

In perfektem Deutsch, vielleicht mit einem Akzent, den ich schon einmal in Quedlinburg gehört zu haben glaubte, erkundigte sie sich nach der Nachricht des Bischofs von Verden. Und ich übergab ihr den Brief, worauf sie sich kurz darauf lachend zu ihrem Bruder setzte: Es war Beatrice von Brabant, bis zum Tode ihres früheren Mannes Königin des Reiches… Und selbst jetzt noch fehlen mir die Worte wegen der Eigenartigkeit dieser Begegnung.

Mit grosser Leichtigkeit fungierte sie als Übersetzerin zwischen mir und ihrem Bruder, doch dann fragte sie nach, was es denn mit dem Brief ihrer Schwester Margarethe auf sich habe.

Und Heinrich, der Herzog, gab ihn ihr zu lesen. Nach kurzer Zeit weinten beide, wie es schien teils vor Glück und teils vor Schmerz. Doch dieser Moment änderte alles. Er änderte alles so nachhaltig, dass ich es immer noch nicht fassen kann.

Seither behandeln sie mich wie ein rohes Ei, nein, sie behandeln mich so, als ob ich – ja, es ist unglaublich – ein  Freund der Familie wäre. Morgen wolle sie wiederkommen, versprach die hohe Dame Beatrice, von der ich erfuhr, dass sie zwischenzeitlich erneut geheiratet hätte. Doch sie müsste wohl bald auf ihren Gatten verzichten, da der die Teilnahme an einem Kreuzzug plane. Ich war einfach nur verwirrt ob des Neuen, das da auf mich zukam…

Und Beatrice – ob ich sie mit „Herzogin“ wirklich richtig angesprochen habe? – erkundigte sich lang und breit nach meiner Mission.

Und als die Rede auf Quedlinburg und die Äbtissin Gertrudis kam, fragte sie mich, wie ich denn mit der Dame – sie meinte die ehrwürdige Äbtissin – ausgekommen sei. Und nachdem ich ihr die Kurzform der Geschichte und des Gesprächs über Anna erzählt hatte, riss sie förmlich die Augen auf.

Sie habe da eine Idee, meinte sie vielsagend, und sie wolle einmal darüber schlafen… Morgen wolle sie weitersehen.

Und Heinrich, „Hendrik“, wie er sich selbst nannte, bat mich dann seinerseits in sehr flüssigem Französisch, doch auf weitere Förmlichkeiten zu verzichten, und er setzte sich zu mir in die Fensternische. Ich solle ihn fortan Hendrik nennen, und ich willigte stotternd ein…

Morgen würde er mir mehr sage, jetzt aber, solle ich mich entspannen. Ich sei fürs erste ihr Gast. Und im Laufe des Gespräches bat er mich, Verständnis für seinen Vetter, ich hoffe ich versteh das richtig, „Willem“ zu haben. Er müsse ihm jetzt helfen. Ich nickte, ohne zu wissen, um wen es sich handelte. Dessen Vater sei mit 24 Jahren in einem Turnier gefallen, und ihm nun zu helfen sei eine Frage der Ehre.

Erst spät in dem Gespräch begriff ich, dass er Wilhelm von Holland meinte, den im vergangenen Jahr gewählten deutschen König. Und als mir klar wurde, in welche Situation ich da geraten war, zitterte ich und konnte kaum meinen Becher halten, den Herzog Hendrik mir immer wieder neu füllte.

Morgen, morgen, wollten sie mir mehr sagen, teilte er mir mit, als er mich lachend ins Bett schickte. Ich sei ja ganz fertig, «complètement détruit». Und mangels anderer Alternativen musste ich wohl einwilligen.

Bald aber wird dieses «Morgen» sein. Denn die Nacht ist schon weit fortgeschritten. Und bald beginnt ein neuer Tag.

„Reminiscere miserationum tuarum… gedenke, Herr, an Dein Erbarmen“, so hatte ich oft verzweifelt gebetet. Und er hat sich mir zugewandt.

Mein Herz rast vor lauter Freude.

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