Vision

Es war mein Traum in der vergangenen Nacht realer als die Wirklichkeit, die heute – ja, ich muss es so sagen – in mein Leben eindrang. Und immer habe ich geglaubt, ein Wunschbild, ein Wunschtraum, und sogar eine Schau, eine Vision, das sei etwas, das man nur alleine haben kann.

Am Ende dieses Tages bin ich eines Besseren belehrt.

Hendrik, der jugendliche Herzog, bat mich noch am heutigen Vormittag regelrecht, über das Osterfest ihr Gast zu sein in Leuven… Gast bei den Herzögen von Brabant… Ob ich damit einverstanden sei, fragte er mich… Wer bin ich, dass ich hätte ablehnen können?

Dann erschien zum Mittagmahl seine Schwester Beatrice: Sie lächelte immer wieder still vor sich hin … und – bei allem Respekt – sie ist eine schöne Frau. Zu meiner völligen Verblüffung eröffnete sie – mich ständig ansprechend – dass sie wünsche, ich würde für sie arbeiten. Wie könnte ich ihr etwas abschlagen, antwortete ich höflich, doch mein Auftrag und meine begrenzte Zeit liessen auch nur begrenztes Engagement zu. Doch sie widersprach, königlich, das habe sie bereits bedacht. Ich muss sie nur angestarrt haben… Sie lachte erneut, diesmal über meine Hilfslosigkeit in höfischen Dingen. Mir war darauf einfach nichts eingefallen, was ich hätte erwidern können.

Ob ich bereit wäre, einen langfristigen Auftrag anzunehmen, insbesondere, wenn dieser meine Loyalität gegenüber meinem Abt und dem Heiligen Stuhl nicht in Frage stellen würde. Und süffisant fügte sie hinzu, dass eine wichtige „Nebenbedingung“, wie sie es nannte, ebenso zuträfe, denn keiner der „beiden Könige“ zwischen denen mein Herz hin- und hergerissen sei, könne gegeben so ein Vorhaben etwas haben. Von dem einen wisse sie es genau, sie meinte wohl Wilhelm von Holland, und von dem andern ahne sie es… Sollte das dem Staufer Konrad gelten?

Diesmal antwortete ich gefasster: Ich würde der Gräfin von Dampierre, die sie durch Heirat geworden sei, gegebenenfalls diese Bitte ausschlagen, und die Königin der Deutschen, als die sie zusammen mit dem Bischof von Verden einmal eine königliche Urkunde unterzeichnet hatte, könne mich gegebenenfalls in Versuchung bringen gerdae dies nicht zu tun. Doch der grosszügigen Schwester meiner Schülerin Margarethe könne ich in einer guten Sache nicht widerstehen. Meine Antwort sei daher „Ja“.

Nun war es an Beatrice, sich überrascht zu zeigen: Schnell würde ich lernen, und sie lachte erneut… Dies sei ihr Plan, ihr verwegener Plan: Es würde nie eine offizielle Sache werden, meinte sie, da die Kirche ihn vermutlich auf Generationen hinaus nicht gutheissen würde. Aber es könne ein «Familienplan» werden, und bei dem wünsche sie meine Hilfe. Und „Herzog Hendrik“, wie sie leicht neckend ihren jüngeren Bruder nannte, unterstütze den Plan in Gänze.

Als ich sie fragend und unsicher ansah, fuhr sie fort: Ich möge eine Art «studium generale» für die Ausbildung der adeligen Frauen ihres Einflussbereiches entwerfen. Ein Studium, das in den vielen Frauenklöstern in Brabant und vielleicht noch an andern Orten praktiziert werden würde. Der Vorteil, dass die Damen in den weltlichen Stiften und den Klöstern ein vergleichbares Bildungsniveau erhielten, sei ungemein überzeugend. Zudem sei es überhaupt eine gewagte Idee, auch den Frauen eine höhe Ausbildung angedeiehen zu lassen. – Und gegebenenfalls, so fügte sie dann nach kurzem Zögern hinzu, wenn ich mich mit der nicht einfachen Äbtissin in Quedlinburg verstünde, könnte ich auch die jahrzehntelange Erfahrung der Getrudis, immerhin einer Reichsfürstin, in Anspruch nehmen.

Dann überraschte sie mich aufs Tiefste: Hendrik würde mir jetzt einen Vorschlag machen, und sie wolle mir nur noch mitteilen, dass ihre jüngere Schwester Margarethe eine der ersten sein wolle, die in den Genuss dieser Ausbildung käme… Denn von Margarethe stamme der Vorschlag. Sie war es, die von meinem Vorgehen überzeugt gewesen sei. Und sie würden MArgarethe noch im Laufe des Sommers nach Leuven holen, denn wo sie jetzt sei, sei sie in Gefahr.

Und noch ein Weiteres: Sie wisse um meine Sorge um meine Schwester Anna. Und dass ich mir wünschte, sie bekäme eine ebensolche Ausbildung. – Ich schluckte, weil sich ein Klos in meinem Halse bildete – Das Haus Brabant könne dies zwar nicht leisten, aber es könne ein solches Vorhaben unterstützen, denn sie seien bereit, Anna für eine Zeit lang in einem «ihrer Klöster» als Schülerin aufzunehmen. Wenn ich … ja, wenn ich nur einen möglichst hochrangigen Bürgen fände. Ganz so wie Gertrudis mir das ans Herz gelegt habe.

Alles Weitere würde nun der «junge Herzog» übernehmen, sie selbst würde alsbald ihren gräflichen Pflichten für die Herrschaft ihres Mannes nachkommen müssen. Und sie hoffe, mich wiederzusehen.

Ich erhob mich, um mich zu verabschieden, doch sie war ohne wirklichen Gruss, nur mit einem leichten Nicken entschwunden.

Doch dies sollte noch nicht alles sein: Denn nun übernahm Herzog Hendrik die Führung des Gesprächs. Während das Mahl fortgesetzt wurde, liess er eine Handvoll Musiker kommen, und als diese ein englisches Lied gespielt hatten, bat er mich, doch wiederzugeben, was die Sänger gesungen hätten. Als ich sagte, ich könne kein Englisch, lachte er und bat mich erneut, genau hinzuhören und dann das Gehörte in meiner Sprache wiederzugeben.

Und in der Tat war der Text dem Deutschen so ähnlich, dass ich seinen Inhalt ungefähr wiedergeben konnte. Und ich erinnerte mich an die englischen Pilger, die ich vor recht genau einem Jahr am ersten Tag meines Wegganges aus St. Maurice begleitet hatte: Auch sie hatte ich besser verstanden als ich es zunächst angenommen hatte. Und ich berichtete Herzog Hendrik davon.

Dann würde mir das Folgende nun auch leichter fallen, meinte er dann. Als ich stutzte, war er in allem direkter als seine welterfahrenere Schwester:

Damit ihr Plan gelinge, bittet mich das Haus Brabant, bis meine Ausbildung in Köln beginne, und das könne nicht vor Mitte August geschehen, da erst dann der neuen Magister, Albertus mit Namen, eingerichtet sei, doch einige Studien an der im englischen Oxford seit langem eingerichteten Universität zu betreiben und nachzusehen, wie die Ausbildung dort organisiert und das «Curriculum» strukturiert sei.

Zu diesem Zwecke würde er mir bis zur Küste einige Reiter stellen, zu meinem Schutz, und auch ein Pferd… der ich doch gar nicht reiten kann, das muss ich ihm morgen sagen… und sie würden für die Passage und den Aufenthalt aufkommen. Auf der Rückreise Anfang August möge ich dann bitte Bericht erstatten.

Das war alle so viel für mich, und es wurde auch noch viel mehr geredet, über diese Sicht, diese Vision der jungen Herrscher von Brabant. Und Hendrik meinte am Ende nur, das alles würde den Reichtum und das Wohlergehen Vieler in seinem Herrschaftsgebiet fördern, und ich könne vermutlich einiges dazu beitragen, dass dieser Plan gelänge. Er selbst wolle alles tun, damit es seinen Unterntanen gutgehe. – Mich hat das beeindruckt.

Am Nachmittag dann liess Hendrik ein Empfehlungsschreiben an die «Universitas Oxfordiensis» aufsetzen, das er mir dann vor rund einer Stunde überbringen liess. Verbunden mit der Nachricht, ich möge mich sehr bald nach Ostern aufmachen, da der dortige Unterricht vermutlich schon begonnen habe und im Juli schon wieder endete. «End of Term», nannte er das, was immer das bedueten mag.

Den Abend verbringe ich alleine. Einen Krug Wein habe ich erbeten, samt einem Krug Wassers. Ich feiere ein Fest… mit mir selbst. Mit meinem Gott.

Doch nun rasen meine Gedanken, ob vom Wein oder den Ereignissen. Ich halte es nnicht mehr auseinander.

Und es wird wohl alles anders als ich es mir vorgestellt habe. Und mir scheint, wenn ich nicht träume, ich habe richtiggehend Mitstreiter gewonnen. Mitstreiter in der Sache, die mich seit über einem Jahr tief bewegt, und wegen der ich ausgezogen bin aus der Sicherheit meines Klosters…Mitstreiter zudem, die zu den einflussriechsten Familien des Reiches gehören. Ich kann es immer noch nicht fassen. Es ist Glück und tiefste Verpflichtung zugleich.

Ab dem kommenden Morgen wird sich nun viel mehr ändern in meinem Leben, als ich es je gewagt hätte zu denken.

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